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Preiskontrollen verhindern


20.09.22 13:00
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Die US-Gesamt- und Kerninflationswerte haben in der vergangenen Woche die Märkte erschüttert, so Peter De Coensel, CEO bei DPAM.

Im August sei der Verbraucherpreisindex für alle städtischen Verbraucher saisonbereinigt um 0,1 Prozent gestiegen und sei in den letzten zwölf Monaten nicht saisonbereinigt um 8,3 Prozent nach oben geklettert. Der Index für alle Wirtschaftsgüter ohne Nahrungsmittel und Energie sei im August um 0,6% (SA) gestiegen; auf Jahressicht habe der Anstieg 6,3% (NSA) betragen.

In dem Moment, in dem jeder erwarte, dass die hohen Werte bestätigt würden, hätten andere VPI-Komponenten die Stimmung vermiesen. So seien beispielsweise die Preise für Nahrungsmittel im Inland um 13,5% gestiegen, der höchste prozentuale Zwölf-Monats-Anstieg seit dem Zeitraum von März 1979. Die Preise für Nahrungsmittel im Ausland seien in dem im August 2022 zu Ende gegangenen Jahr um 8,0% gestiegen, der höchste prozentuale Anstieg im Jahresvergleich seit einem Anstieg um 8,4% im Oktober 1981.

Die oben genannten Zahlen würden darauf hindeuten, dass die PCE-Kernrate im August um 4,75% gestiegen sei, verglichen mit 4,56% im Juli. Die entsprechenden Daten würden am 29. September veröffentlicht. In den letzten drei Monaten sei ein durchschnittlicher Anstieg von +0,35% gegenüber dem Vormonat zu verzeichnen gewesen. In dem Moment, in dem diese MoM-Werte einen monatlichen Anstieg von 0,0% ausweisen würden, würde die PCE-Kernrate bis März 2023 bereits unter 2,00% sinken.

Bei einer MoM-Rate von +0,1% verschiebe sich dieser Zeitpunkt auf Mai-Juni 2023. Bei +0,2% ergebe sich ein Wert von +2,43% bis Ende 2023. Bei +0,3% pro Monat würde man lediglich auf +3,66 % fallen und das FED-Ziel weit verfehlen. Diese Szenarien würden jedoch darauf hindeuten, dass sich 2023 eine Desinflation anbahnen könnte. Welches Restrisiko bleibe also?

Die Risiken würden sich dort zeigen, wo die Geldpolitik ende, und die schlechte Regierungspolitik beginne. Der Druck auf die politische Führung werde immer größer, ihre Position zu vertreten und die Inflationsschmerzen der Haushalte und Unternehmen zu lindern. Der Eifer, Preiskontrollen für lebensnotwendige Güter wie Gas, Strom und Lebensmittel einzuführen, werfe Fragen auf.

Im Laufe der Geschichte habe sich gezeigt, dass Preisober- oder -untergrenzen zu suboptimalen wirtschaftlichen Ergebnissen führen. Darüber hinaus würden Preiskontrollen laufen, die darauf abzielen würden, kurzfristige Inflationsschmerzen zu lindern, dem Ziel zuwider, die Inflation langfristig zu begrenzen. Wie das? Durch die Einführung einer Preisobergrenze würden die Regierungen versuchen, die Auswirkungen hoher Preise zu umgehen.

Hohe Preise hätten jedoch mehrere Funktionen. Erstens würden sie knappe Waren und Dienstleistungen denjenigen Käufern zuweisen, die am ehesten bereit und in der Lage seien, dafür zu zahlen. Zweitens würden sie signalisieren, dass eine Ware oder Dienstleistung geschätzt werde und dass die Produzenten durch eine Erhöhung der Angebotsmenge Gewinne erzielen könnten. Der Produktionsprozess bzw. das Angebot werde nicht behindert, und höhere Mengen würden die Preise nach unten drücken. Preiskontrollen könnten mit hohen Kosten verbunden sein. Wie hoch diese seien, hänge vom Umfang der Kontrollen und dem Ausmaß der Verzerrung des Preises auf dem freien Markt ab.

Zu den Kosten gehöre ein höherer bürokratischer Aufwand zur Durchsetzung der Kontrollen. Waren und Dienstleistungen würden ineffizient zwischen Verbrauch und Produktion aufgeteilt. Der Wettbewerb verlagere sich von der Produktion auf die politische Bühne. Unternehmen würden versuchen, den (politischen) Preisbildungsprozess zu beeinflussen. Die derzeitige Debatte in den EU-Ländern sei ein Beleg für diese Tatsache.

In dem Moment, in dem Preiskontrollen offiziell eingeführt würden, würden sie häufig umgangen. In den frühen 1970er Jahren hätten die Preiskontrollen von Nixon zu einer Wirtschaft geführt, in der die Inflation nicht mehr habe begrenzt werden können, während gleichzeitig die Arbeitslosigkeit gestiegen sei. Das Jahrzehnt der Stagflation sei eine Folge davon gewesen. Preiskontrollen sollten vermieden werden. Was Verbraucher und Unternehmen brauchen würden, sei eine angemessene Steuer- und Geldpolitik.

Die US-FED straffe zu Recht die finanziellen Bedingungen, um die Gesamtnachfrage abzukühlen und eine Lohn-Preis-Inflationsspirale zweiter Ordnung zu verhindern. Die Experten würden am 21. September mit einer Erhöhung des Leitzinses um 75 Basispunkte in Richtung 3,00% bis 3,25% rechnen.

Wie die Experten bereits in früheren Berichten festgestellt hätten, befinde sich die FED auf Autopilot und werde erst dann nachgeben, wenn eine deutliche Verlangsamung der Inflation erkennbar sei. Die vom Markt implizierten US-Leitzinsen hätten sich in der vergangenen Woche in Richtung 4,25% bis 4,50% bis Februar 2023 erhöht. Die zehnjährigen Renditen von 3,45% hätten dieses Ergebnis eingepreist. Das gelte auch für die US-Aktien- und Kreditmärkte.

Es bleibe die Frage: Was passiere mit den zehnjährigen Renditen, den IG- und HY-Kreditspreads, dem Dollar-Index und den US-Aktienmärkten, wenn die FED mit einem Anstieg auf z.B. 5,25% bis 5,50% überrasche? Dieses Szenario könnte eintreten, wenn die Preiskontrollen das Gesetzgebungsverfahren passieren könnten. Würden sich die oben genannten Indikatoren entsprechend ihrer bisherigen Sensibilität gegenüber den Leitzinsen alle entsprechend entwickeln? Das könnte die Komplexität dieser Berechnung unterschätzen, aber auch die Fähigkeit der oben genannten Indikatoren, den Zyklus zu berücksichtigen.

Ein Leitzins von 5,25% bis 5,50% könnte die Zehn-Jahres-Zinsen in Richtung 4,00% drücken, wenn die Dynamik der Renditekurve anhalte. Der Dollar-Index (DXY-Index), der derzeit bei 110,00 liege, könnte das im Sommer 2001 erreichte Hoch von 121,02 erreichen. Der Dollar-Index habe im Laufe des Jahres 2008 einen Tiefstand von 70,68 verzeichnen können. Der Aufwärtstrend sei nach wie vor ungebrochen. Der Tiefpunkt in den Jahren 2008-2009 falle mit dem Höhepunkt der Globalisierung in Handel und Finanzen zusammen. Es gebe nur sehr wenige bis gar keine Anzeichen dafür, dass sich diese multipolare, protektionistische und nach innen gerichtete säkulare Wirtschaftsära in absehbarer Zeit umkehren werde.

Angesichts der anhaltenden Verknappung der USD-Liquidität sei zu erwarten, dass die USD-Anleihenmärkte und die USD-Derivatemärkte die Nachfrage nach USD auf hohem Niveau halten würden. Die Kreditspreads könnten sich korrekt verhalten, da die Bilanzen der Unternehmen in den letzten zehn Jahren sowohl im Finanz- als auch im Nichtfinanzsektor gesunden und stärker hätten werden können. Die Aktienmärkte seien unruhig und nervös. Die Bewertungsdifferenzen zwischen den Sektoren seien groß. Aber normalerweise würden die Aktienmärkte Zeit brauchen, um die geldpolitischen Erhöhungszyklen zu verdauen. Daher sei Vorsicht geboten, denn die Vorhersage des endgültigen FED-Leitzinses sei zum jetzigen Zeitpunkt noch zu sehr Spekulation. (20.09.2022/alc/a/a)