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Powell redet Klartext in Jackson Hole


01.09.22 12:57
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Die Konferenz in Jackson Hole ist oft eine rein akademische Konferenz. Nicht so dieses Mal, so Yves Ceelen, CIO Global Balanced and Head of Institutional Portfolio Management bei Degroof Petercam Asset Management.

Die Botschaft sei kurz gewesen und auf eine marktorientierte Botschaft hinausgelaufen: Kein Pivot!

Der FED-Vorsitzende habe gesagt, die Geschichte warne davor, die Geldpolitik vorschnell zu lockern. Powell habe signalisiert, dass die US-Notenbank die Zinsen wahrscheinlich weiter anheben und noch eine Weile auf einem hohen Niveau belassen werde, um die Inflation in Einklang mit dem 2%-Ziel zu bringen. Er habe jede Erwartung zurückgewiesen, dass die FED bald ihren Kurs ändern würde.

"Die Wiederherstellung der Preisstabilität wird einige Zeit in Anspruch nehmen und erfordert den energischen Einsatz unserer Instrumente, um Angebot und Nachfrage in ein besseres Gleichgewicht zu bringen", habe Powell gesagt. Er habe auch erwähnt, dass die Wiederherstellung der Preisstabilität eine "anhaltende" Periode eines unter dem Trend liegenden Wachstums und einen schwächeren Arbeitsmarkt erfordern werde. Er habe den Arbeitsmarkt als "eindeutig aus dem Gleichgewicht geraten" bezeichnet, da die Nachfrage nach Arbeitskräften das Angebot "deutlich" übersteige.

Die Botschaft sei kurz und eindeutig gewesen und gebe den Ton für die verbleibenden Monate des Jahres an.

Auf der anderen Seite des Atlantiks würden einige EZB-Mitglieder mit dem Gedanken spielen, die Zinsen im September um 75 Basispunkte anzuheben, da sich die Inflationsaussichten verschlechtert hätten. Beide großen Zentralbanken scheinen bereit zu sein, die Inflation zu bekämpfen, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management.

Im Juli habe der Markt noch mit sinkenden Anleiherenditen und deutlich gestiegenen Aktienkursen mit einer Zinswende der FED in der zweiten Jahreshälfte 2022 gerechnet. Jetzt sei die Reaktion auf die oben erwähnten Nachrichten jedoch anders gewesen.

Die Aktienkurse in den USA und Europa seien ins Schleudern geraten, und in der Eurozone seien die Renditen sowie die Renditenaufschläge für Unternehmen gestiegen. Die Kurve sei in den USA und Deutschland (10j-2j) abgeflacht, während die italienischen Renditenaufschläge wieder angestiegen seien, was der EZB das Leben noch schwerer machen könnte. Der Euro habe zunächst deutlich zugelegt, aber im Laufe einer sehr volatilen Sitzung wieder nachgegeben.

Es scheine, dass die starke Bewegung am Aktienmarkt, die im Juli zu beobachten gewesen sei, eine Bärenmarktrally bleibe, und die Experten würden daher ihre vorsichtige Haltung beibehalten.

Treffen in Jackson Hole ging der Markt davon aus, dass die Leitzinsen im Frühjahr 2023 bei etwa 3,8% ihren Höhepunkt erreichen würden, so Sam Vereecke, CIO Fixed Income bei Degroof Petercam Asset Management.

Powell habe erklärt, ohne Preisstabilität funktioniere die Wirtschaft nicht. Er gehe davon aus, dass eine Zinserhöhung zu einer Rezession führen werde ("wahrscheinlich ist eine anhaltende Periode eines unter dem Trend liegenden Wachstums erforderlich"), die sich in einer höheren Arbeitslosigkeit niederschlage ("wahrscheinlich wird es zu einer gewissen Aufweichung der Arbeitsmarktbedingungen kommen"), was sich auf die Wirtschaft auswirken werde ("einige Belastungen für Haushalte und Unternehmen"). Nach der Sitzung gehe der Markt immer noch davon aus, dass die Leitzinsen im Frühjahr 2023 ihren Höchststand von derzeit etwa 3,9% erreichen und bis Ende 2024 um eine halbe Senkung reduziert würden. Bis jetzt habe sich nichts grundlegend geändert.

Der Bereich, in dem die Marktpreise grundlegend von denen der FED abweichen würden, werfe die Frage auf, wie lange die Geldpolitik restriktiv bleiben werde. Powell spreche von der "Beibehaltung eines restriktiven politischen Kurses für einige Zeit". Der Markt sehe kein "Plateau" bei den Leitzinsen und rechne sofort mit mehreren Zinssenkungen in der zweiten Hälfte der Jahre 2023 und 2024, auch wenn der Markt jetzt eine halbe Zinssenkung weniger erwarte als vor seiner Rede. Senkungen würden auch bedeuten, dass die Bilanzverkürzung bis dahin beendet sein werde.

Im September werden wir eine neue Reihe von "Dot Plots" erhalten, die Zusammenfassung der Wirtschaftsprognosen, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management. In diesem Dokument würden die Ansichten der einzelnen FED-Mitglieder in Bezug auf die Zinserwartungen, die Arbeitslosigkeit, die Inflation und das Wachstum zusammengefasst. Obwohl die Leitzinserwartungen des letzten "Dot Plots" vom Juni mit den aktuellen Markterwartungen übereinstimmen würden, sei die Rhetorik der FED-Mitglieder in Bezug auf die Richtung der Straffung ziemlich einheitlich gewesen, wie die Rede von Powell zeige. Dies werde in den "Dot Plots" vom September deutlich werden, die wahrscheinlich Powells Rede bestätigen würden: Die "Dot Plots" würden falkenhafter sein.

Die derzeitige Haltung der FED stimme eindeutig nicht mit den Marktpreisen überein. Wie werde es weitergehen? In einem ersten Szenario würden die Experten davon ausgehen, dass die FED bei ihrer Botschaft bleibe und eine restriktivere Haltung einnehme als derzeit eingepreist. Vermutlich werde der Markt die Botschaft aufnehmen und die Preise entsprechend anpassen: Durch einen Abverkauf im kurzen/mittleren Teil der Kurve, durch eine weitere Umkehrung, aber wahrscheinlich gefolgt von einer gewissen Versteilerung hin zu einer flacheren Kurve. Das lange Ende der Kurve biete wahrscheinlich den besten Schutz für dieses Szenario.

Das gegenteilige Szenario sei chaotischer: Angesichts einer Rezession in Verbindung mit politischem Druck nehme die FED trotz erhöhter Inflation wieder einen weniger restriktiven Kurs ein. Dies könnte zu einer sehr komplexen Debatte darüber führen, ob die Arbeitslosigkeit oder die Inflation eine höhere Priorität im Mandat der FED habe. Dies würde wahrscheinlich zu vielen widersprüchlichen Botschaften der FED führen, da verschiedene FED-Mitglieder und andere Ökonomen nicht einer Meinung seien. In diesem Szenario seien viele Ergebnisse möglich, aber die Zinsvolatilität werde sehr hoch sein. Inflationsgebundene Anleihen würden in diesem Szenario wahrscheinlich hilfreich sein.

Ob das erste oder das zweite Szenario eintrete, hänge davon ab, wie stark der Abschwung ausfallen werde und wie lange die hohe Inflation anhalte. Der Markt rechne eindeutig mit einer stärkeren Abschwächung und einer weniger hartnäckigen Inflation als die Federal Reserve. Der einzige Faktor, der in diesem Zusammenhang noch nicht berücksichtigt werde, sei die Inflationsvolatilität. Da man davon ausgehe, dass sich die Inflation von den derzeitigen 8,5% auf den Zielwert (oder etwas darüber) normalisieren werde, sei es wichtig zu bedenken, dass eine solche Normalisierung nicht glatt verlaufen werde.

Da ein Teil des Inflationskorbs erheblichen Basiseffekten ausgesetzt sein werde, könnte man vorübergehend sehr niedrige oder sogar negative Daten für sehr kurze Zeiträume sehen, gefolgt von einem Wiederanstieg der Inflation. Der Weg zur "Normalisierung" werde sprunghaft sein. Dies werde den Entscheidungsprozess weiter erschweren. Trotz des scheinbar klaren Weges, den Powell vorgezeichnet hat, scheinen die Aussichten sehr viel unsicherer zu sein, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management. (01.09.2022/alc/a/a)