Erweiterte Funktionen

Polen: Konjunkturrisiken rücken auch für die Geldpolitik in den Fokus


16.09.22 11:53
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Eine steigende Inflationsrate, der Leitzinsanhebungszyklus, die Probleme der Energiesicherheit in der EU und die direkten Belastungen durch den Ukraine-Krieg - all das lastet auf der Konjunktur Polens, so die Analysten der DekaBank.

Das reale BIP sei im zweiten Quartal 2022 um 2,1% gegenüber dem Vorquartal (+5,3% yoy) gesunken, die erste negative Quartalsrate seit dem Corona-Hochpunkt im zweiten Quartal 2020. Die Lagerentwicklung habe zwar maßgeblich zu der negativen Überraschung beigetragen, sodass das Ausmaß der Schrumpfung nicht für den weiteren Jahresverlauf fortgeschrieben werden könne. Doch auch der Handel, die Bauaktivität oder die Anlageinvestitionen hätten sich negativ entwickelt.

Die hohe Inflation dürfte den privaten Konsum in der zweiten Hälfte des Jahres zunehmend belasten, trotz der geplanten Energiepreisbremsen der polnischen Regierung (Strompreisbremse für bis zu 2000 KWh) bzw. der EU als Ganzes. Der Erdgaslieferstopp durch Nord Stream 1 betreffe Polen zwar nicht direkt, weil Russland seine Gaslieferungen an Polen bereits im Mai eingestellt habe, wirke sich mittelbar über die Konjunktur der wichtigsten Handelspartner aber auch auf Polen aus. Die Konjunkturbelastungen des Winterhalbjahres dürften im kommenden Jahr zu einer BIP-Stagnation führen.

Angesichts der Konjunkturrisiken bereite die Polnische Zentralbank ein Ende des Leitzinsanhebungszyklus vor: Die Analysten würden im Oktober nur noch einen kleinen Schritt um 25 Bp auf dann 7,0% erwarten. Die geplante Strompreisbremse für die Haushalte dürfte die Headline-Inflationsrate abbremsen. Doch die Anhebung des Mindestlohns um 15% ab Januar 2023 und um weitere 3% ab Juli sowie andere fiskalische Stützungsmaßnahmen, die vor den Parlamentswahlen im Herbst 2023 wahrscheinlich seien, würden für anhaltende Risiken im Bereich der Kerninflation sorgen.

Der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine verändere die Sicherheitslage für Polen als Anrainerstaat mit einer ausgeprägt Russland-feindlichen Position. Die NATO-Mitgliedschaft dürfte das Land allerdings wirksam gegen eine mögliche Aggression schützen. Polen sei bereits vor Kriegsbeginn nur geringfügig auf die Erdgasexporte aus Russland angewiesen gewesen und habe über LNG-Importkapazitäten verfügt. Die letzteren würden nun weiter ausgebaut, und mit der geplanten Inbetriebnahme der "Baltic Pipe" aus Norwegen dürften ab Oktober auch zusätzliche Pipeline-Importkapazitäten hinzukommen. Während die Erdgasversorgung im EU-Vergleich eher geringe Risiken aufwerfe, würden die EU-Sanktionen für den russischen Kohleimport für Polen die Logistik in diesem Bereich vor dem Beginn der Heizsaison erheblich erschweren.

Der Konflikt mit der EU in Bezug auf die Zuteilung der Mittel aus der Wiederaufbau- und Resilienzfazilität der EU (23,9 Mrd. Euro an Zuschüssen und 12,1 Mrd. an Krediten) halte weiterhin an. Das Programm sei von der EU zwar im Juni genehmigt worden, doch die Nachbesserungen bei der umstrittenen Justizreform würden der EU-Kommission für die Mittelfreigabe noch nicht ausreichen. Die Dynamik innerhalb der Regierungskoalition mache nennenswerte Zugeständnisse an die EU nach wie vor unwahrscheinlich.

Angesichts der Herausforderungen durch die hohen Energiepreise und vor den Parlamentswahlen im Herbst 2023 erscheine auch ohne die EU-Mittel ein Anstieg der Staatsausgaben wahrscheinlich. Die öffentliche Verschuldung sei allerdings moderat, sodass es den Haushalt nicht in akute Schieflage bringen dürfte. Jenseits eines "Polexit-Szenarios", welches die Analysten derzeit für nahezu ausgeschlossen halten würden, sollte damit das Rating Polens im unteren A-Bereich verankert bleiben. (16.09.2022/alc/a/a)