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Die Notenbanken machen ernst


14.09.22 10:01
St.Galler Kantonalbank Dtld.

München (www.anleihencheck.de) - Die Aktienmärkte blicken auf volatile Handelstage zurück, nachdem die Notenbanken, initial mit Jerome Powells Rede in Jackson Hole, die Marktteilnehmer auf eine fokussierte FED eingestellt und den Paradigmenwechsel vollzogen haben, so Michael Winkler, Leiter Anlagestrategie bei der St.Galler Kantonalbank Deutschland AG.

Angesichts des weiterhin hohen Tempos der Geldentwertung in fast allen Industrieländern liege der Fokus der FED und nun auch der EZB eindeutig auf der Inflationsbekämpfung - ohne Rücksicht auf die Konjunkturentwicklung, auch eine Rezession werde in Kauf genommen. Die EZB wolle, auch dies seien neue Töne gewesen, erklärtermaßen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage senken, um ein dauerhaft höheres Inflationsniveau zu verhindern. Damit liege die EZB auf einer Linie mit der FED. Jerome Powell habe beim Treffen der Notenbanker in Jackson Hole ebenfalls klargestellt, dass es um dauerhaft höhere Zinsen für eine längere Zeit gehe.

Angesichts dieser geradezu epochalen Kursänderung der Notenbanken falle die Reaktion der Aktienmärkte eher moderat aus. Die alten Tiefststände des Jahres 2022 seien von den US-Aktienindizes wie S&P 500 nicht erneut getestet worden. Für den DAX sei es zwar etwas tiefer gegangen , neue Jahrestiefststände seien aber auch hier nicht erreicht worden. Für diese Nachrichtenlage würden sich die Aktienmarktindizes zurzeit in stabiler Verfassung zeigen, ein erneut höherer Pessimismus der Marktteilnehmer wirke hier stützend.

Die Erwartungen seien vor allem an die EZB sehr hoch gewesen, angesichts des jahrlangen Zögerns. Kurz gesagt könne man feststellen: Die EZB habe geliefert. Die jüngste Zinserhöhung von 75 Basispunkten sei der größte Zinsschritt aller Zeiten gewesen. Gleichzeitig sei die Kommunikation von EZB-Chefin Christin Lagarde endlich klarer gewesen: Man sei immer noch "weit vom finalen Zinssatz entfernt". Die Analysten würden die Spitze des Zinszyklus bei 2,5 Prozent erwarten, dieses Niveau sollte Anfang 2023 erreicht werden. Festverzinsliche Wertpapiere würden damit wieder attraktiv.

Wie gehe es weiter? Das Kapitalmarktumfeld bleibe weiter sehr anspruchsvoll. 2022 werde wohl auch kein gutes Aktienjahr mehr werden. Die Herausforderungen seien zahlreich: Es sei fraglich, ob Russland überhaupt wieder Gas liefere. Die europäischen Staaten hätten gewaltige fiskalische Entlastungspakete beschlossen oder angekündigt, um die Auswirkungen der Energiepreise für Privathaushalte abzufedern. Die Lieferketten würden zudem weiter gespannt bleiben: In 33 Städten in China gelte weiter ein harter Lockdown, dazu kämen Spannungen mit Taiwan.

Trotzdem seien die Kapitalmärkte schon einen weiten Weg gen Süden gegangen: Chancen könnten Investoren in weniger zyklischen Sektoren wie Nahrungsmittel und Gesundheit, Unternehmen mit stabilem Geschäftsmodell und Preissetzungsmacht, finden. Auch sollten Aktien von Versicherungsunternehmen von dem zukünftig höheren Zinsniveau profitieren. Für einen breiten Einstieg in den Aktienmarkt dürfte es aber noch zu früh sein, der Abwärtstrend sei noch intakt. (14.09.2022/alc/a/a)