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Notenbanken vor kniffliger Aufgabe


01.06.22 10:15
Swisscanto Invest

Zürich (www.anleihencheck.de) - Ungeachtet der sich eintrübenden Konjunktur ist die Inflation in den letzten Monaten vielerorts angestiegen, womit sich das Verhältnis zwischen Wachstum und Inflation in praktisch allen Ländern und Regionen verschlechtert und Richtung Stagflation verschoben hat, so die Experten von Swisscanto Invest.

Angesicht dieser Entwicklung könnten sich gewisse Notenbanken in absehbarer Zeit vor die Frage gestellt sehen, ob sie der wirtschaftlichen Abschwächung oder der erhöhten Inflation mehr Bedeutung zumessen möchten. Aktuell sei die Prioritätenordnung allerdings klar: Angesichts der anhaltenden Inflationsüberschreitung hätten sich die Notenbanken auf die Bekämpfung der Inflation verpflichtet. Selbst die lange zurückhaltende EZB werde nun bereits im Juli mit der Zinswende beginnen und die Schweizer Notenbank dürfte ihr im September folgen. Die US-Notenbank habe unmissverständlich kommuniziert, den Leitzins so lange anzuheben, bis es überzeugende Belege für einen Rückgang der Inflation gebe. Unklar sei hingegen, wie sie auf Anzeichen einer deutlichen Wachstumsschwäche bei gleichzeitig erhöhter Inflation reagieren würde, zumal die US-Notenbank ein duales Mandat besitze und neben einer Inflation von zwei Prozent auch für Vollbeschäftigung sorgen müsse.

Nach wie vor gebe es gute Gründe, davon auszugehen, dass eine Stagflation in den nächsten 18 Monaten vermieden werden könne. So würden die Unternehmen ihre Geschäftslage immer noch zuversichtlich beurteilen, wenn auch nicht mehr so optimistisch wie vor einigen Monaten. Zudem sei die Investitionsbereitschaft weiterhin hoch. Seitens der privaten Haushalte sprächen der vorteilhafte Arbeitsmarkt und die hohen Überschussersparnisse trotz der trüben Verbraucherstimmung gegen einen Einbruch des Konsums. Die Finanzmärkte hätten auf das eingetrübte wirtschaftliche Umfeld mit deutlichen Abgaben reagiert. Damit dürfte viel Ungemach in den Kursen vorweggenommen sein. Die weiteren Abwärtsrisiken an den Aktienmärkten würden die Experten von Swisscanto Invest deshalb für begrenzt halten und die Renditen am Bondmarkt dürften nur noch wenig ansteigen.

Es würden sich unter den Vertretern der EZB die Stimmen mehren, die sich für eine Juli-Zinserhöhung aussprächen. EZB-Chefin Christine Lagarde habe eine frühe Leitzinserhöhung angedeutet. Die EZB sollte ihre Nettoanleihekäufe zu Beginn des 3. Quartals beenden und könnte dann in den Worten von Lagarde "nur einige Wochen später" die Leitzinsen anheben. Ein wichtiger Grund für ein konsequentes Vorgehen seien die über dem Notenbankziel notierenden Inflationserwartungen, die ein Risiko für die Preisstabilität in der Währungsunion darstellen würden. Die Experten von Swisscanto Invest würden deshalb ihre Meinung revidieren, dass die EZB noch bis September mit der ersten Zinserhöhung warten werde, und würden neu mit diesem Schritt anlässlich der Sitzung am 21. Juli rechnen. Die EZB dürfte sich dann im September von der Nullzinspolitik verabschieden. Von der früheren geldpolitischen Wende in der Eurozone dürfte der Euro profitieren. Dem EUR/CHF-Wechselkurs sollte diese Entwicklung vor allem über die Sommermonate etwas Auftrieb verleihen

Der globale Aktienmarkt stehe mittlerweile vor einer wichtigen Weggabelung. Bis Mitte Mai habe er im Jahresvergleich rund sechs Prozent verloren. In der Vergangenheit seien Rückgänge von um die zehn Prozent oftmals Wendepunkte zu wieder steigenden Kursen gewesen. Seltener sei es weiter bergab gegangen. Das entscheidende Kriterium dabei sei die Konjunktur gewesen. Eine Fortsetzung der Kursrückgänge habe in der Regel eine globale Rezession erfordert. Wenn sich der konjunkturelle Verlauf lediglich als Verlangsamung und nicht als Rückgang mit anschließender Wiederbeschleunigung, also neudeutsch als Mid-Cycle Slowdown herausstelle, setze auch an den Aktienmärkten eine kräftige Erholung ein. Derzeit sei die Verunsicherung bei Aktieninvestoren diesbezüglich noch deutlich erhöht.

Die Experten von Swisscanto Invest würden in ihren Prognosen aber davon ausgehen, dass eine Rezession vermieden werde. Insofern dürfte der Großteil des Aktienmarktrückgangs hinter uns liegen, so die Experten von Swisscanto Invest. Die Antwort darauf, ob und wann die Konjunkturdaten dies bestätigen würden, werde aber noch einige Wochen auf sich warten lassen.

Die global hohen Inflationsraten würden die Aktiensektoren in unterschiedlicher Weise treffen. Der kräftige Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise habe beispielsweise zu weit überdurchschnittlichen Aktienkursanstiegen vor allem beim Energiesektor geführt, weil sich bei nahezu unveränderten Kosten die Margen ausgeweitet hätten. Am anderen Ende des Sektorenspektrums bewege sich der zyklische Konsum. Er habe seit seinem Hoch im November letzten Jahres über 30 Prozent und damit sogar mehr als der globale Technologiesektor verloren. Erstens würden anders als im Energiesektor die Kosten der Produktion überdurchschnittlich steigen. Zweitens würden Verbraucher in Zeiten hoher Inflation unnötige Anschaffungen einschränken, was die Umsätze bei hochpreisigen Gütern wie zum Beispiel Autos oder Luxusartikeln und damit die Gewinne der Unternehmen sinken lasse. Drittens rufe die hohe Inflation die Zentralbanken auf den Plan. Die tatsächlichen und erwarteten Leitzinsanhebungen würden vor allem bei hoch bewerteten Sektoren, zu denen auch der zyklische Konsum gehöre, die Kurs-Gewinn-Verhältnisse sinken lassen. Ein Favoritenwechsel setze in der Regel dann ein, wenn sich eine Wende in der Inflationsentwicklung abzeichne.

Die Experten von Swisscanto Invest würden in ihren Prognosen davon ausgehen, dass der Höhepunkt der globalen Inflation jetzt zwar erreicht sei. Allerdings würden die Experten kurzfristig noch keinen stärkeren Rückgang erwarten. Insofern sähen sie derzeit noch mehr Potenzial beim Energiesektor als beim zyklischen Konsum.

Der wichtigste Treiber des Goldpreises in der langen Frist bleibe das knappe Angebot des Edelmetalls. Wie in der Vergangenheit dürfte Gold daher auch künftig die aufgelaufene Inflation kompensieren. Angenommen, die Finanzmärkte würden Recht behalten und die heutigen US-Inflationserwartungen von jährlich 2,5 bis 3,0 Prozent über die nächsten zehn Jahre würden sich als korrekt erweisen, impliziere dies ein Anstiegspotenzial von rund 30 Prozent. Während man in zwölf Monaten von einem tieferen Goldpreis ausgehe, dürfte der Inflationsausgleich auf Mehrjahressicht den Goldpreis nachhaltig auf neue Höchststände führen. (01.06.2022/alc/a/a)