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Notenbanken halten Kurs


02.09.22 10:45
Swisscanto Invest

Zürich (www.anleihencheck.de) - Die hohen Inflationsraten lassen das Erreichen der Inflationsziele der Notenbanken in weite Ferne rücken, so die Experten von Swisscanto Invest.

Die Experten von Swisscanto Invest seien der Meinung, dass die Teuerung auch Ende 2023 in den meisten Industrie- und Schwellenländer immer noch ein ganzes Stück oberhalb der Inflationsziele der Notenbanken von 2% liegen werde. Die Hoffnung der Finanzmärkte auf ein rasches Ende der restriktiven Geldpolitik, die in den vergangenen Wochen maßgeblich zur Erholung an den Finanzmärkten beigetragen habe, dürfte sich deshalb als unhaltbar entpuppen. Die Notenbanken möchten eine substanzielle Verbesserung an der Preisfront sehen, bevor sie einen Kurswechsel ins Auge fassen würden. Da reiche es nicht aus, wenn fallende Energiepreise die Gesamtinflationsrate von einem sehr hohen Niveau aus leicht zurückgleiten lasse.

Die Experten von Swisscanto Invest würden deshalb mit nochmals deutlich steigenden Leitzinsen bis Ende Jahr rechnen. So würden sie davon ausgehen, dass die US-Notenbank im September den Leitzins zum dritten Mal in Folge um 75 Basispunkte und bis Ende Jahr auf 4% anheben werde. Selbst die Europäische Zentralbank, die bislang zögerlich vorgegangen sei, werde bis nächsten Frühling den Einlagesatz um kumuliert 150 Basispunkte erhöhen. Bei der schweizerischen Nationalbank (SNB) würden die Experten von Swisscanto Invest nach dem ersten Zinsschritt um 50 Basispunkte im Juni mit vier weiteren Erhöhungen des Einlagesatzes bis Mitte des nächsten Jahres auf ein Niveau von 1% rechnen.

Die Renditen von sicheren Staatsanleihen hätten im vergangenen Monat nochmals deutlich angezogen. Das sei vor allem auf die restriktive Haltung der Notenbanken und die gestiegenen Inflationserwartungen in Europa zurückzuführen. Nach wie vor lägen die Renditen aber immer noch deutlich unter den diesjährigen Höchstständen von Mitte Juni. Trotz der hohen Inflationsraten würden die Experten von Swisscanto Invest angesichts der nochmals schwächeren Wachstumsaussichten nicht damit rechnen, dass diese Niveaus wieder erreicht würden. Mittlerweile habe sich der Anleihenmarkt mit höheren Inflationserwartungen an die persistent hohe Teuerung angepasst, sodass nun die Wachstumseintrübung wieder in den Vordergrund rücken dürfte. Die Nachfrage nach Staatsanleihen sollte damit wieder zunehmen und die Renditen weniger Aufwärtsdruck ausgesetzt sein.

Vor allem in Europa seien die nominalen Renditen über den Kanal der Inflationserwartungen in die Höhe getrieben worden. Ein Grund dafür sei der Anstieg der europäischen Strompreise auf neue Höchstwerte gewesen. Durch den Anstieg der Energiepreise würden die Anleihenpreise nun eine stattliche Inflationsprämie ausweisen. Zwar sei nicht von einem unmittelbaren Rückgang der Strompreise auszugehen, jedoch seien sie langfristig betrachtet zu hoch.

Die Experten von Swisscanto Invest würden glauben, dass Staatsanleihen mit hoher Kreditwürdigkeit auf den aktuellen Renditeniveaus wieder gefragt sein würden. Insbesondere weil man nun in der Eurozone und Großbritannien über den Winter eine Rezession sehe, dürfte das Sicherheitsbedürfnis der Investoren für Staatsanleihen sprechen. Durch die Nähe des Schweizer Anleihenmarktes zu Europa würden auch die Schweizer Eidgenossen wieder auf dem Kaufzettel der Finanzmarktteilnehmer stehen, sodass die Renditen der Eidgenossen über die nächsten drei Monate höchstens noch moderat ansteigen würden.

Die Entwicklung der Schwellenländeraktien dürfte auch in den kommenden Monaten überwiegend vom chinesischen Markt bestimmt werden. Die Experten von Swisscanto Invest würden davon ausgehen, dass die im August getroffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen nicht ausreichen würden, um das Vertrauen der internationalen Aktieninvestoren in China zu stärken: Die Leitzinssenkungen seien nicht aggressiv genug gewesen. Und das Fiskalpaket dürfte den Immobiliensektor zwar stützen, seine strukturellen Herausforderungen aber eher vergrößern als abmildern. Hinzu komme, dass Herbst und Winter näher rücken würden und vorerst keine Abkehr von der Null-Covid-Strategie zu erwarten sei.

Allerdings gebe es auch Argumente für chinesische Aktien. Erstens habe sich die Regierung mit der US-Börsenaufsicht über die Rechnungsprüfungsmodalitäten von in den USA gelisteten chinesischen Unternehmen einigen können. Damit sinke die Wahrscheinlichkeit eines Rückzugs von den US-Börsen. Zweitens spreche aus Sicht internationaler Investoren für den Markt, dass er weniger von globalen Themen getrieben werde und somit stärker zur Risikostreuung beitragen könne als andere Märkte.

Die Unsicherheit in Bezug auf Konjunktur und Inflation habe sich im August nochmals erhöht. Die globale Wachstumsverlangsamung setze sich fort und in der Eurozone, im Vereinigten Königreich und den Schwellenländern (ohne China) würden die Experten von Swisscanto Invest mit einer Rezession rechnen.

In diesem Umfeld würden die Experten den aufgrund seiner Sektorstruktur als sicheren Hafen geltenden Schweizer Markt weiterhin als attraktiv erachten. Zwar hätten einige unternehmensspezifische Themen bei den Indexschwergewichten im August für eine unterdurchschnittliche Entwicklung gesorgt. Die Experten von Swisscanto Invest würden aber davon ausgehen, dass es sich dabei um Einmaleffekte gehandelt habe, die die defensiven Qualitäten des Marktes nicht nachhaltig beeinträchtigen würden. Der US-Markt habe zwar nicht die defensive Sektorstruktur wie die Schweiz. Seine Eigenschaft als sicherer Hafen gründe auf Größe und Liquidität, dies mache ihn im aktuellen Umfeld trotz nach wie vor relativ hoher Bewertungen wieder attraktiver.

Gold habe über die letzten Monate unter Abgabedruck gestanden und sei in die Handelsspanne zwischen USD 1.700 und USD 1.800 pro Unze zurückgefallen. Hauptbelastungsfaktoren seien höhere US-Realrenditen und zuletzt insbesondere der nochmals stärkere US-Dollar. Zudem hätten die ETF-Investoren einen Großteil des im ersten Jahresdrittel getätigten Aufbaus der Goldbestände rückgängig gemacht. Aus fundamentaler Sicht scheine noch nicht alles im Preis enthalten und vorerst bedeute die weitere Straffung der US-Geldpolitik Gegenwind für Gold und die übrigen Edelmetalle.

Andererseits scheine den Experten von Swisscanto Invest das Abwärtspotenzial vom jetzigen Niveau aus begrenzt. Erstens bleibe Gold im geopolitisch und konjunkturell unsicheren Umfeld als Portfoliodiversifikator gefragt. Zweitens habe der gesunkene Goldpreis wieder Käufer auf den Plan gerufen, die typischerweise als Preisnehmer agieren und damit eine antizyklische, stützende Nachfrage stellen würden. So seien zuletzt die Importe der wichtigen Goldkonsumenten China und Indien wieder gestiegen und die Zentralbanken hätten im 2. Quartal das Tempo der Nettozukäufe erhöht. Schließlich würden sich drittens mittelfristig Chancen ergeben, wenn der FED-Zinserhöhungszyklus abgeschlossen sei und perspektivisch Zinssenkungen ins Spiel kämen. Zudem stelle der Inflationsausgleich eine strukturelle Unterstützung dar. (02.09.2022/alc/a/a)