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Notenbanken bleiben weiter auf Zinssenkungskurs


05.02.24 12:21
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Die weltweit führenden Notenbanken bleiben weiter auf Zinssenkungskurs: Der jüngste Leitzinsentscheid der US-Notenbank brachte erwartungsgemäß keine Veränderungen, so die Analysten der National-Bank AG.

Allerdings sehe die FED die Risiken für das Erreichen ihres Inflations- und Beschäftigungsziels mittlerweile annähernd ausgeglichen, anders als seit dem Beginn des hohen Preisdrucks nach dem Einsetzen bzw. im Nachgang der Corona-Pandemie. Auf der Agenda stünden nunmehr Zinssenkungen, auf der dem Zinsentscheid folgenden Pressekonferenz habe FED-Chef Powell den guten Verlauf des Disinflationsprozesses gewürdigt, die FED sei sich aber offenkundig noch nicht hinreichend sicher, ob dieser Prozess unzweideutig Richtung zwei-Prozent-Ziel konvergieren werde.

In der Summe bleibe mit Blick auf das vorlaufende Datenspektrum aus Sicht der Analysten aber nur noch das genaue Timing der Zinswende nach unten zu klären: Dass die FED die Zinsen alsbald nach unten schleusen werde, stehe für die Analysten außer Frage. Ob das im März oder im Mai zu ersten Schritten komme, sei dabei eher zweitrangig: Zentral sei vor allem, dass sich die strukturellen Verwerfungen am US-Arbeitsmarkt weiter ermäßigt hätten. Damit sei es perspektivisch höchstwahrscheinlich, dass sich der Preisdruck in den USA weiter zügig abbauen könne.

Anders als sonst üblich könnte es in diesem Zinszyklus sogar durchaus möglich sein, dass die EZB der FED zuvorkomme. Dies und der bisherige Datenverlauf stütze die Generalthese der Analysten, dass die EZB vor einer scharfen Kehrtwende stehe: EZB-Präsidentin Lagarde habe auf der Pressekonferenz nach der jüngsten Zinssitzung die Märkte in ihrer Einschätzung bestärkt, dass eine erste Zinssenkung bereits im April erfolgen könnte. Dies nachdem innerhalb der EZB Bedenken aufgekommen seien, dass die derzeitige Marktstimmung der Intention der Geldpolitik entgegenwirke. Die Analysten würden erwarten, dass sich die Zinswende der EZB noch erheblich intensivieren dürfte, darauf würden zumindest die Modellindikationen für die gleichgewichtigen Zinssätze in der Eurozone verweisen: Gemessen an diese Modellen sei das aktuelle Zinsniveau auf Dauer nicht tragbar, eine massive Kehrtwende der Zinspolitik notwendig.

Andernfalls riskiere die EZB perspektivisch ein Unterschiessen der Inflation. Sofern sich die Inflation also normalisiere - und davon sei mit Blick auf den auch globalen Inflationsverbund zumindest perspektivisch auszugehen - könnte sich die Europäische Geldpolitik sukzessive genötigt sehen, den geldpolitischen Kurs von vor der Pandemie wieder aufzunehmen. Die diesbezügliche Unsicherheit sei naturgemäß noch sehr hoch, doch die Rückkehr zum Niedrigzinsregime der Vorkrisenzeit werde zumindest auf die längere Frist immer wahrscheinlicher.

Derzeit sei die EZB sichtlich bemüht den innereuropäischen Lohndruck einzufangen, welcher aus den Inflationsschocks der Pandemie resultiere. Es sei aber nach Erachten der Analysten absehbar, dass das anämische Wachstum der Eurozone auf den Arbeitsmarkt durchschlage. Insofern dürfte sich auch in der Eurozone der pandemisch bedingte Lohndruck zumindest perspektivisch massiv verringern. Auf jeden Fall stehe nach Erachten der Analysten zu erwarten, dass der Zinsrückgang in Europa noch wesentlich deutlicher ausfallen dürfte als im internationalen Querschnitt. Genau dies komme darin zum Ausdruck, dass die EZB vollkommen atypisch möglicherweise noch vor der US-Notenbank mit dem Zinssenkungszyklus beginne.

Insgesamt standen und stehen sich die These des "Higher for Longer" und die Erwartung der Rückkehr in das Niedrigzinsregime der letzten anderthalb Dekaden bis zum Jahreswechsel u.E. noch mit einem "Unentschieden" gegenüber: Aus unserer Sicht überwiegen aber nach wie vor die Argumente für ein zumindest erheblich geringeres Zinsniveau: Wie erörtert bleibt die internationale Preisdisziplin bei hoher globaler Preistransparenz durch neue Technologien im Rahmen einer insgesamt ungebrochenen Globalisierung erhalten, so die Analysten der National-Bank AG. Mit dem sukzessiven Abflachen der Wachstumsraten selbst in Asien würden die gleichgewichtigen realen Sätze weltweit eher sinken. Die Analysten würden es auch schon rein statistisch für viel wahrscheinlicher halten, dass man vor einer erheblichen Abwärtskorrektur der internationalen Zinssätze stehe: Die Wahrscheinlichkeitsmassen des säkularen Abwärtstrends bei den Zinssätzen seien viel größer als für das jüngere, zeitlich eng begrenzte Hochzinsregime.

Materiell ist und war die Covid-Krise ein Ausnahmeereignis, dieser "exogene Schock" hat viele unterliegende Trends überdeckt: Man sollte keinesfalls vergessen, dass die US-Notenbank im Vorfeld der Pandemie - also ohne die vermutlich temporären Covid-Effekte - aufgrund einer hartnäckig zu geringen Inflationsentwicklung einen grundlegenden Kurswechsel im Sinne einer noch expansiveren Geldpolitik angestrebt hatte: Sofern nicht wirklich handfeste, empirisch fundierte Gründe für einen Regimewechsel bestehen, dürften die langfristigen Gleichgewichte für die internationalen Kapitalmarktzinsen daher eher an den längerfristigen Mittelwerten der letzten Dekade liegen, so die Analysten der National-Bank AG. Wie dünn hier die Argumentationsbasis für nachhaltig höhere Zinsen sei, zeige bereits der in der Debatte zwar dominante aber nach Erachten der Analysten irreführende Fehlbefund bezüglich der vermeintlichen Deglobalisierung.

Zusammengenommen rücke der Wendepunkt der Geldpolitik auch in den führenden Industrienationen jedenfalls immer näher. Das exakte Timing der globalen Leitzinswende bleibe naturgemäß ungewiss, die Wahrscheinlichkeit, dass der Senkungszyklus nunmehr nachhaltig einsetze, sei aber mittlerweile schon extrem hoch. Aus Sicht der Analysten sei es schließlich unverändert wahrscheinlicher, dass sich der Anstieg der Inflation als temporäre Episode erweise, die den Verwerfungen der Pandemie zuzuordnen sei, sodass eine erhebliche Mittelwertkonvergenz zu erwarten bleibe.

In einem Szenario auch weiterhin strikt rückläufiger Inflationsraten und einer näher rückenden Zinswende in den führenden Industrienationen würden die Analysten die Renditen für die 10-jährigen Bundesanleihen mit einer zunehmenden Abwärtsbias nunmehr auf rund 1,8% taxieren, die Projektionen für die US-amerikanischen 10-jährigen Benchmark-Sätze würden sie aktuell bei Werten um 3,4% auf Sicht der nächsten zwölf Monate sehen. Damit lägen die Analysten mit ihren Schätzungen deutlich unter dem Konsensus.

Trotz der sich stetig eintrübenden Lage in der Eurozone würden sich die Risikoprämien noch relativ resilient halten und seien zuletzt sogar auf Werte um 60 Basispunkte zurückgefallen. Gemessen an ihren Simulationen würden die Analysten diese Risikoauspreisung aber in toto unverändert für überzogen halten, sodass Vorsicht geboten bleibe: Solange die geopolitischen Belastungen in Form des Krieges in Osteuropa anhalten würden, würden auf den derzeit niedrigen Niveaus nach Erachten der Analysten klar die Rückschlagsgefahren bezüglich einer Ausweitung der Risikospreads dominieren. (Ausgabe vom 03.02.2024) (05.02.2024/alc/a/a)