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Notenbanken in Aktion - Der Außenwert des Euro fällt weiterhin


03.08.22 09:45
SIGNAL IDUNA AM

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Inflation hat sich weltweit etabliert - aber in unterschiedlicher Ausprägung, so Christian Bender, CEFA von SIGNAL IDUNA Asset Management.

Unterschiedlich würden auch die zu beobachtenden Reaktionen der Notenbanken und ihre Kommunikation ausfallen. Gerade Letztere nehme auch Einfluss auf die Entwicklung der Wechselkurse der einzelnen Währungspaare. Denn die Marktteilnehmer würden versuchen, bei der Währung dabei zu sein, die am ehesten die Chance auf - reale - Aufwertungen bzw. Gewinne biete. Wer also werde die Inflation in den Griff bekommen?

Am beherztesten gehe - zumindest was die Größe und Frequenz der Zinsschritte in diesem Jahr anbelange - die US-amerikanische Notenbank vor. Der jüngste Zinsschritt um erneute 0,75% vermittele den Eindruck, dass sich die FED schnellstmöglich nach oben arbeiten wolle. Damit sende sie nicht nur in puncto Inflationsbekämpfung deutliche Signale hinsichtlich ihrer Ernsthaftigkeit. Darüber hinaus stecke sie sich bereits für die nähere oder auch fernere Zukunft Pfeile in den Köcher, wenn es darum gehen werde, einem schwächelnden Arbeitsmarkt bzw. einer über Gebühr einbrechenden Konjunktur mit Zinssenkungen psychologisch wie materiell entgegenzutreten. Und die Kommunikation lasse bereits heute explizit vernehmen, dass die nächsten Zinsschritte bevorstünden.

Eher zögerlich trete die EZB auf. Über Jahre hinweg habe diese sich in einer Forward-Guidance geübt, die Marktteilnehmern das Gefühl vermittelt habe, man würde sie als Partner begreifen und ihnen nicht überraschend auf die Füße treten. Doch die Guidance sei an ihre Grenze gegeben, als sich die Inflationszahlen dem Gesundbeten aus Frankfurt entzogen hätten, unkontrollierbar nach oben geschossen seien und begonnen hätten sich auf den neuen Niveaus einzurichten. So sei die Forward-Guidance über Nacht zu Grabe getragen worden. Gleichzeitig sei angekündigt worden, die bestehenden Ankaufprogramme für Staatsanleihen schneller auslaufen zu lassen als gedacht. Doch nur wenige Wochen später die - faktische - Kehrtwende: Wohl seien die bestehenden Ankaufprogramme beendet worden - aber dafür sei das neue "Transmission Protection Instrument" (TPI) mit noch flexibleren, politisch leichter instrumentalisierbaren Bedingungen ausgestattet worden.

Hätte die EZB nicht im selben Atemzug alle relevanten Zinssätze um 0,5% erhöht und damit unter anderem den negativen Einlagenzins beendet, wäre der seit Monaten fallende Außenwert des Euro zum US-Dollar endgültig unter die Parität gerutscht. Denn die Wechselkurse seien nicht zuletzt ein Ausdruck der relativen Entwicklung des Vertrauens in Wirtschaft und Politik der beiden hierüber jeweils verbundenen Nationen bzw. Währungsräume. Und das Vertrauen in die EZB bzw. Europa erodiere so besehen seit geraumer Zeit stärker als das in die FED bzw. USA.

Trotzdem hätte das den einen oder anderen Politiker diesseits des Atlantiks nicht weiter gestört. Denn niedrige Wechselkurse würden auch als konjunkturelle Stimulanz gelten, da sie den Export erleichtern würden. Allerdings sei diese Unterstützung nicht zwingend notwendig, wie ein Blick in die Schweiz und auf den Außenwert des Schweizer Franken zeige. Dieser habe noch im August 2008, am Vorabend der Finanzmarktkrise, 60 Prozent schwächer gegenüber dem Euro als heute notiert. Gemessen an den wirtschaftlich relevanten Kennziffern stünden die Eidgenossen gleichwohl besser da als ihre europäischen Nachbarn - bis hin zu niedrigeren Inflationsraten.

Die Schweizer Nationalbank (SNB) habe dieses Jahr dennoch gehandelt - und bereits vor der EZB überraschend die Zinsen erhöht. Die SNB unterstreiche damit, dass sie Preisstabilität als ihre Kernkompetenz begreife. Der Schweizer Franken habe deshalb weiter gewonnen - auch über die Zinserhöhung der Frankfurter Kollegen hinweg. Das Gleiche gelte selbst für die Briten und ihr Pfund - obwohl die Insulaner nicht nur einen in seiner Plötzlichkeit dann doch unerwarteten Wechsel an der Regierungsspitze bewerkstelligen müssten, sondern auch an den Folgen des Brexits zu knabbern haben sollten.

Fremdwährungen sein Eigen zu nennen, sei also und bleibe voraussichtlich das Gebot der Stunde für in Euro rechnende Investoren. Da Devisenhaltung für sich genommen allerdings ein hohes spekulatives Moment innewohne, sei die Verbindung mit einem Aktien- oder Anleihen-Investment die substanziellere Form: Die Beteiligung an unternehmerischen Perspektiven und Zinszahlungen solventer Schuldner sorge für den langfristigen Ertrag. Gerade in diesem Jahr hätten sich dabei die Währungseffekte als heilende Komponente erwiesen, da sie die durch die Kehrtwende in der Zinspolitik beförderten Wertminderungen der eigentlichen Assetklassen zumindest in Teilen hätten ausgleichen können. Dass das auch in der zweiten Jahreshälfte der Fall sein könne, dafür spreche die Inflation. Diese werde die Notenbanken noch zu der einen oder anderen Zinsanhebung treiben. Darüber werde die EZB leider kaum vom Zauderer zum Führer werden - mit allen Konsequenzen für den Außenwert und die Kaufkraft des Euro. (03.08.2022/alc/a/a)