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Liquiditäts- und Stressindikatoren senden Warnsignale


03.11.22 11:15
Fisch Asset Management

Zürich (www.anleihencheck.de) - Verschiedene Stressindikatoren, darunter der umfassende National Financial Conditions Index in den USA, steigen immer stärker an und liefern damit deutliche Warnsignale für das Finanzsystem, so Beat Thoma, CIO bei Fisch Asset Management in Zürich.

Es bestehe die zunehmende Gefahr von 'monetären Luftlöchern', also von temporären Liquiditätsengpässen im Finanzsystem. Dies könne an den Märkten zu heftigen Turbulenzen führen, die sogar ein Eingreifen der Zentralbanken erfordern könnten. Ein erstes Beispiel sei kürzlich an den englischen Staatsanleihenmärkten (Gilts) zu beobachten gewesen.

Auch verschiedene konjunkturelle Frühindikatoren wie beispielsweise die wichtigen 'Conference Board Leading Economic Indices' würden zunehmende Rezessionsgefahren signalisieren. Die Abflachung der Zinskurven sowohl in den USA - und hier jüngst auch im bisher noch steilen Bereich drei Monate gegenüber zehn Jahren - wie auch in Europa würden jeweils wachsenden konjunkturellen Gegenwind bestätigen. Schnell fallende Geldmengen und Immobilienpreise sowie nachgebende Rohstoffpreise würden zusätzlich deflationär wirken.

Aufgrund einer aktuell stark gekrümmten und steilen Phillips-Kurve (Verhältnis Arbeitslosigkeit zu Inflation) dürfte bereits ein moderater Anstieg der Arbeitslosigkeit in den USA zu schnell abnehmendem Inflationsdruck führen. Deshalb sei eine starke Rezession keine notwendige Voraussetzung für die US-Notenbank FED, ihre Inflationsziele zu erreichen. Die Unternehmensgewinne und die Arbeitsmärkte seien sowohl in den USA wie auch Europa immer noch sehr solide. Auch dies dämpfe rezessive Tendenzen zumindest teilweise. Ein Soft-Landing in den USA und eine nur milde Rezession in Europa seien deshalb weiterhin ein Szenario mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Die deflationären Faktoren würden insgesamt für eine etwas weniger restriktive Geldpolitik der Zentralbanken sprechen. Sie würden zumindest die langfristigen Zinsen dämpfen, und ein Ende des Anstiegszyklus zeichne sich daher ab. Aus Glaubwürdigkeitsgründen würden die FED und EZB aber vorerst auf einem stark restriktiven Kurs bleiben. Für die Finanzmärkte und die Konjunktur sei dies weiterhin ein Belastungsfaktor, was auch durch die Frühindikatoren bestätigt werde.

Es bestehe deshalb weiterhin ein Tauziehen zwischen abnehmender Inflationsdynamik, die eine Lockerung der Geldpolitik erlaube, und übertrieben restriktiven Notenbanken, die eine Rezession und monetäre Luftlöcher begünstigen würden. Ein Hoffnungsschimmer sei hier vor einigen Tagen gekommen, als verschiedene Vertreter der US-Notenbank ihre Besorgnis über zu schnelle Zinserhöhungen ausgedrückt hätten. An den Aktien- und Kreditmärkten sei deshalb eine temporäre Erholungsrally jederzeit möglich. Die Marktstimmung sei extrem negativ und viele belastende Faktoren seien in den aktuellen Kursen eingepreist.

Allerdings müsse für eine langfristige Trendwende zuerst eine offizielle Änderung der Geldpolitik oder klare positive Überraschungen an der Inflationsfront abgewartet werden. Langfristige Opportunitäten würden sich aber immer stärker abzeichnen und bei entsprechender Risikotoleranz könne ein schrittweiser Risikoaufbau im Portfolio bereits jetzt in Betracht gezogen werden. Die Experten würden nach Abwägung aller Faktoren trotzdem noch an einer defensiven Positionierung festhalten. (03.11.2022/alc/a/a)