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Langfristige US-Renditen so interessant wie lange nicht


18.11.22 11:56
BlueBay Asset Management

London (www.anleihencheck.de) - Die weltweiten Anleiherenditen sind in der vergangenen Woche weiter gesunken, da die Hoffnung auf eine Abschwächung der Inflation in den USA nach dem Bericht zu den Verbraucherpreisen (VPI) vom vergangenen Donnerstag die Kurse weiter stützte, so Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay Asset Management.

Es könnte jedoch etwas verfrüht sein für die Schlussfolgerung, dass die US-Notenbank ihren Zinserhöhungszyklus zu bald beenden werde. Die finanziellen Bedingungen hätten sich in der vergangenen Woche merklich entspannt und seien nicht mehr weit von ihrem Stand von Mitte Juni entfernt. Derweil habe sich der Arbeitsmarkt weiter gefestigt.

Es bestehe das Risiko, dass sich der Lohndruck noch erhöhen könnte - selbst wenn sich das Wachstum verlangsame und zinssensible Sektoren wie der Wohnungsbau zum Stillstand kämen. Entlassungen im Technologiesektor und schwächere Aussichten für das Baugewerbe würden darauf hindeuten, dass sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten entspannen könnte. Die Zahl der offenen Stellen sei aber laut der jüngsten JOLT-Erhebung (Job Openings and Labor Turnover) noch immer sehr hoch.

Mit Blick auf das Jahr 2023 sei es nicht verwunderlich, dass Anleger mit einer längerfristigen Perspektive zu der Ansicht neigen würden, dass die Inflation in zwölf Monaten gesunken sein werde, die FED Zinssenkungen in Erwägung ziehe und der Krieg in der Ukraine beendet sein könnte. Auf dieser Grundlage könnten Investment-Grade-Anleihen interessant sein, wenn man zu dem Schluss komme, dass die Renditen bei längeren Laufzeiten bereits ihren Höhepunkt erreicht hätten.

Der Ausblick für Europa sei aber nach wie vor eher trübe. Die Wachstumsaussichten seien weiterhin gedämpft und die Inflationsindikatoren dürften ihren Höhepunkt erst im kommenden Frühjahr erreichen. Vor diesem Hintergrund werde die Europäische Zentralbank (EZB) wahrscheinlich bei einer restriktiven Haltung bleiben. Die Experten würden davon ausgehen, dass die Zinssätze bis zum Ende des ersten Quartals im nächsten Jahr auf 2,5 Prozent steigen würden. Dann könnte Hoffnung aufkeimen, dass ein Ende der Zinserhöhungen in den USA möglicherweise auch eine Pause der EZB nach sich ziehe.

Bis zu diesem Zeitpunkt scheine EZB-Chefin Christine Lagarde jedoch dazu verdammt zu sein, die Geldpolitik weiter zu straffen - selbst wenn der Rezessionsdruck weiter zunehme. Die Experten würden davon ausgehen, dass die Produktion in der Eurozone im Gesamtjahr leicht zurückgehen werde. Es bestehe aber das Risiko eines stärkeren Einbruchs, sollte das Wetter nach einem milden Winterbeginn deutlich kälter werden. In einem solchen Szenario würden alle Augen auf die Energieunternehmen und die damit einhergehende Notwendigkeit gerichtet sein, die Gaslieferungen zu rationieren.

Es werde immer wahrscheinlicher, dass die zehnjährigen US-Renditen ihren Höhepunkt bereits erreicht hätten, als sie im Oktober auf 4,3 Prozent gestiegen seien. Staatsanleihen könnten jetzt nahe am fairen Wert liegen. Wenn der Höhepunkt jedoch wirklich hinter uns liege, sei es verständlich, dass einige Anleger sich in langfristige Renditen würden einkaufen wollen. Schließlich seien diese interessant wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.

"Es besteht Grund zur Hoffnung, dass wir uns nach all den Ereignissen im Jahr 2022 endlich dem Punkt nähern, an dem wir das Schlimmste hinter uns haben", so Mark Dowding. Mit etwas Glück werde es in der Geopolitik, bei den makroökonomischen Daten und in der Geldpolitik ruhiger - und man könne die Aufmerksamkeit wieder auf alltäglichere Ereignisse richten. (18.11.2022/alc/a/a)