Konzertierte Aktion gegen die Inflation


02.06.22 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist in den vergangenen Tagen kräftig gestiegen und liegt jetzt bei 1,22%, dem höchsten Wert seit 2014, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

In den USA würden die entsprechenden T-Notes bei 2,92% rentieren, womit man noch unterhalb des diesjährigen Höchstwertes von 3,12% (Tagesschlussrendite) liege. Hintergrund der wieder steigenden Renditen dürfte sein, dass sich durch das von der EU beschlossene Erdölembargo die Hoffnung auf wieder deutlich sinkende Erdölpreise zerschlage, was auch für eine auf Sicht der nächsten Monate anhaltend hohe Inflation sorgen sollte. Gleichzeitig führe das Ende des harten Lockdowns in China zu einer gewissen Wachstumsfantasie, wenngleich niemand wisse, ob der Lockdown demnächst wieder installiert werde. Immerhin müssten sich die Menschen in Shanghai alle 72 Stunden einem PCR-Test unterziehen und Omikron und seine Untervarianten sind offensichtlich kaum zu kontrollieren.

Wenngleich der Ölpreis relativ hoch bleiben werde - zeitweise habe Brent ein Niveau von 124 US-Dollar/Barrel erreicht – sei der Preis zuletzt wieder zurückgegangen. Dies habe mit der Überlegung Saudi-Arabiens zu tun, seine Produktion stärker auszuweiten, um den Produktionsrückgang Russlands zumindest teilweise aufzufangen. Brent sei wieder zurückgefallen, aber liege mit 113 US-Dollar/Barrel weiterhin auf einem hohen Niveau. Die heutige OPEC Plus-Sitzung könnte hier mehr Klarheit bringen.

Zuletzt seien die Konsumentenpreise in Deutschland weiter gestiegen, nach der harmonisierten Methode von Eurostat sogar um 8,7%. Dazu passe, dass laut ifo-Umfrage 80% der Unternehmen des Einzelhandels sagen würden, dass sie mit Lieferproblemen zu kämpfen hätten. In Reaktion auf die hohe Inflation möchte Bundeskanzler Olaf Scholz eine konzertierte Aktion, bei dem sich Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik treffen und idealerweise vereinbaren würden, wie verhindert werden könne, dass sich die Inflation verstetige. In den 1960er Jahren habe es eine derartige konzertierte Aktion gegeben, damals auf Initiative des Wirtschaftsministers Karl Schiller und damals nicht wegen einer zu hohen Inflation, sondern wegen des Wirtschaftsabschwungs. Scholz gehe es vermutlich darum, eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern. Er habe den vorläufigen Tarifabschluss in der Chemieindustrie gelobt, bei dem sich die Tarifparteien auf Einmalzahlungen geeinigt hätten und im Oktober dann erneut verhandeln möchten. Bei der Bundesregierung gebe es möglicherweise Überlegungen die temporäre Steuerbefreiung von tariflichen Einmalzahlungen fortzuführen und so einen Anreiz für derartige Lohnabschlüsse zu setzen.

Derweil hätten gestern (01.06.) in der Stahlindustrie erste Warnstreiks in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen stattgefunden, für heute stünden Warnstreiks in Ostdeutschland an. Nächste Woche am 10.06. solle die dritte Verhandlungsrunde starten. Die Arbeitnehmer würden 8,2% mehr Lohn fordern. In der Stahlindustrie seien zwar nur knapp 70.000 Menschen beschäftigt, aber der Tarifabschluss könnte Signalfunktion für die Metall- und Elektroindustrie mit rund 4 Mio. Beschäftigten haben, wo spätestens im September die Lohnverhandlungen beginnen würden.

Zurück zur Inflation bzw. dazu, was die EZB dagegen tun möchte. Nächste Woche finde die EZB-Sitzung statt. Notenbankpräsidentin Christine Lagarde werde vermutlich die Gelegenheit nutzen, um zu signalisieren, ob bei der Sitzung Ende Juli der Leitzins um 25 BP oder um 50 BP angehoben werde. Lagarde und der EZB-Chefvolkswirt Philip Lane scheinen den graduellen Weg zu bevorzugen, trotz der hohen Inflationsrate in der Eurozone im Mai von 8,1%, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Die Prognose der Analysten der Hamburg Commercial Bank sei, dass es vier Zinsschritte à 25 BP in diesem Jahr und weitere vier Zinsschritte à 25 BP im nächsten Jahr geben werde. Die Netto-Anleiheankäufe würden am Ende dieses Monats auf Null zurückgefahren.

Die Eurozone werde aller Wahrscheinlichkeit nach mit Kroatien ein neues Mitglied bekommen und damit auf 20 Länder wachsen. Am 1. Januar 2023 dürfte Kroatien der Währungsunion beitreten und dann werde man in Kroatien nicht mehr mit Kuna bezahlen, sondern mit Euro. Bei den Schuldenkriterien sei man aufseiten der EU-Kommission wieder relativ großzügig. Die öffentliche Verschuldung liege derzeit bei knapp 80% des BIP, idealerweise sollten es 60% sein, aber weil die Schuldenquote rückläufig sei, werde nach Interpretation der EU-Kommission dieses Kriterium erfüllt. Generell sei es so, dass es sich für kleine Volkswirtschaften - Kroatien habe rund 4 Mio. Einwohner - eher lohne, der Währungsunion beizutreten, als für große Volkswirtschaften, weil sie stärker auf Außenhandel bzw. in diesem Fall auf Tourismus angewiesen seien und daher die Beseitigung von Wechselkursrisiken stärker ins Gewicht falle als bei weniger offenen Ökonomien.

Derweil breite sich in Portugal die Omikron-Untervariante BA.5 rasant aus, die Siebentagesinzidenz liege bei 1.700, in Deutschland sei sie noch bei 200, aber es sei gut möglich, dass die Lage im Herbst wieder ganz anders aussehe.

Datenseitig sei morgen (03.06.) auf den US-Arbeitsmarktbericht zu achten. Außerdem würden morgen zahlreiche PMI-Indices für den Dienstleistungssektor veröffentlicht. Datenhighlight der nächsten Woche sei die US-Inflation (CPI für Mai, 10.06.). (02.06.2022/alc/a/a)





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