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Das Jahr der Zinswende


11.01.23 12:33
LOYS

Oldenburg (www.anleihencheck.de) - Für die Finanzmärkte war während des Jahres 2022 kein Thema so bestimmend wie die Richtungswende beim Zins, so Dr. Christoph Bruns und Ufuk Boydak von LOYS.

Seit der amerikanischen Subprimekrise in den Jahren 2007 bis 2009 hätten die Börsen, unter der Führung der amerikanischen FED, im Zeichen stark sinkender Notenbankzinsen gestanden.

Während die meisten Zentralbanken es bei einem Zinssatz von Null hätten bewenden lassen, habe die europäische Notenbank sogar auf nominal negative Zinsen gesetzt. Während sie damit den hoch verschuldeten Euroländern zur Hilfe geeilt sei, habe sie zugleich der europäischen Bankenbranche schweren Schaden zugefügt. Der rechtzeitige Ausstieg aus der Negativzinspolitik sei misslungen, weil man in Frankfurt etwaigen Inflationsgefahren keine längerfristige Bedeutung zumaß und anderen Themen (Südstaatenfinanzierung, Klimawandel, Gleichstellung) den Vorzug gegeben habe. Erst als das Inflationskind in den Brunnen gefallen sei und die Bürger der Eurozone mit zweistelligen Kaufkraftverlusten konfrontiert gewesen seien, habe sich langsam die Erkenntnis Bahn gebrochen, dass an der ultra-lockeren Geldpolitik nicht weiter habe festgehalten werden können.

Mittlerweile lägen die Leitzinsen im Euroraum bei 2,5% und der dramatische Wohlstandsverlust der Bürger sei besiegelt. Positive Realzinsen gebe es bereits seit vielen Jahren nicht mehr. Mittlerweile versuche die EZB durch die Ankündigung weiterer Zinserhöhungen und entsprechend kritischem Duktus das verloren gegangene Vertrauen zumindest zum Teil zurückzugewinnen. Angesichts von Geldentwertungsraten um die 10% bleibe dies ein schwieriges Unterfangen. Per Saldo habe das ultrabillige Geld zu weitreichender Fehlallokation von Kapital geführt, was etwa am Immobilienmarkt, bei virtuellen Kryptomünzen, SPACs und Internetaktien zwischenzeitlich zu gigantischen spekulativen Übertreibungen geführt habe.

Für die Aktienmärkte könnten signifikante Zinsbewegungen nicht ohne Folgen sein. Immerhin habe das billige Geld dem Eigenkapitalmarkt für mehr als zehn Jahre kräftigen Rückenwind verliehen und mitunter für astronomische Bewertungen gesorgt. Per Saldo hätten schließlich die Aktienmärkte mit deutlichen Kursrückgängen auf die rasch gestiegenen Zinsen reagiert. Vor allem sogenannte Wachstumsaktien hätten empfindliche Rückschläge erlitten, nachdem sie zuvor die mehr als zehnjährige Aufwärtsfahrt an den Börsen angeführt hätten.

Amerikanische Aktien hätten im Jahr 2022 erheblich mehr als ihre europäischen Pendants an Wert verloren. Der repräsentative S&P 500-Index habe in Jahresfrist fast 20% seines Wertes eingebüßt, beim NASDAQ-Index seien es 33% gewesen. Selbst die vormals hochverehrten FAANG-Aktien seien gehörig unter die Räder gekommen. Der Facebook-Mutterkonzern Meta Platforms habe z.B. einen Kurseinbruch von ca. 64% erlitten, Amazon.com habe sich halbiert und auch Tesla sei schließlich in den Abwärtssog geraten.

Wesentlich besser ergangen sei es japanischen Aktien, die in den letzten zwölf Monaten lediglich 4% - gemessen am repräsentativen TOPIX Index - abgegeben hätten. Freilich sei das für den in Euro denkenden Investor nur ein geringer Trost, denn die japanische Landeswährung Yen habe sich um nicht weniger als 8% gegenüber dem Euro verbilligt. Die europäische Einheitswährung ihrerseits habe gegenüber dem US-Dollar während des Jahres fast 6% verloren.

Verwunderlich sei, dass die Ölpreise angesichts des Ukraine-Krieges auf Jahresfrist nicht stärker zugelegt hätten. Die Nordseesorte Brent notiere zum Jahreswechsel gerade einmal 4% höher als noch vor Jahresfrist. Wesentliche Verteuerungen habe indessen der Ukraine-Krieg bei den Preisen für Erdgas und Kohle sowie bei Eisenerz und Nickel gezeitigt, um nur einige Rohstoffe zu nennen. (Ausgabe vom 31.12.2022) (11.01.2023/alc/a/a)