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Jackson-Hole-Treffen: Langfristig höhere Zinsen


02.09.22 11:39
La Française AM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Auf dem Treffen in Jackson Hole konzentrierten sich die Federal Reserve (FED) und die anderen großen Zentralbanken weiterhin auf ihr wichtigstes Mandat: Die Gewährleistung einer niedrigen und stabilen Inflation von etwa 2% trotz höherer Arbeitslosigkeit und Rezessionsgefahr, so Audrey Bismuth, Global Macro Researcher bei La Française Asset Management.

Die Inflationsbekämpfung habe für sie in dieser Phase der geldpolitischen Normalisierung oberste Priorität. Die Zentralbanken wollten das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherstellen und ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, nachdem sie die Inflation im vergangenen Jahr als "vorübergehend" bezeichnet und zu lange gewartet hätten, um auf den Preisanstieg zu reagieren, der durch die fiskal- und geldpolitischen Reaktionen auf die Pandemie ausgelöst worden sei. Das Hauptrisiko, insbesondere für die Bank of England und die Europäische Zentralbank (EZB), bestehe jedoch darin, dass sie angesichts der Folgen der Energiekrise und der Angebotsschocks, die beide außerhalb ihrer Kontrolle lägen, auf die Inflation "überreagieren".

Die Rede des FED-Vorsitzenden Powell sei absolut eindeutig und hawkish gewesen. Er habe die übliche Aussage zur Inflationsbekämpfung vertreten und die aggressiven Markterwartungen erfüllt. Die Federal Reserve müsse die Zinssätze noch einige Zeit restriktiv halten, um sicherzustellen, dass sich die Inflation nicht weiter verfestige. Powell habe betont, dass "ein Scheitern bei der Wiederherstellung der Preisstabilität weitaus größere Schmerzen bedeuten würde". Er habe auch gesagt, dass es bei einer weiteren Straffung der Geldpolitik wahrscheinlich "angemessen sein wird, das Tempo der Zinserhöhungen zu verlangsamen". Die FED-Mitglieder müssten "klare und überzeugende Beweise" für eine sinkende Inflation sehen, um die Zinsen nicht weiter zu erhöhen.

Trotz der ermutigenden Inflationszahlen für Juli sei die Inflation nach wie vor viel zu hoch (der Verbraucherpreisindex liege bei 8,5% gegenüber 9,1% im Juni). Das Lohnwachstum habe sich beschleunigt (6,7% laut dem Atlanta FED Wage Tracker). Der Arbeitsmarkt sei nach wie vor sehr angespannt. Und an der politischen Front helfe die Regierung von Biden den privaten Haushalten mit ihrem Plan zur Entlastung von Studentenkrediten. Nach Angaben von Bloomberg könnte dieses neue Konjunkturpaket die Inflation 2023 um etwa 0,2 Prozentpunkte erhöhen. Der Vorsitzende Powell habe keine genaue Zahl für den Endzins genannt und sich auch nicht zum Zeitpunkt geäußert, an dem die FED die Zinserhöhungen einstellen könnte. Er habe die Finanzmärkte an die Zinsprognose des Ausschusses vom Juni erinnert, der zufolge der mittlere Leitzins bis Ende 2023 leicht unter 4% liegen würde, damit sich die Inflation bis Ende 2024 der Marke von 2% nähern könne.

Nach einer "zügigen" Anhebung der Zinssätze werde die Federal Reserve diese "länger auf einem höheren Niveau" halten. Die meisten FED-Mitglieder hätten laut der Zusammenfassung der Wirtschaftsprognosen vom Juni erwartet, dass der Leitzins mindestens zwei Jahre lang auf einem restriktiven Niveau bleiben würde. Jerome Powell habe den Erwartungen einer Zinssenkung im nächsten Jahr entgegenwirken wollen. Die Äußerungen der FED hätten jedoch die Erwartungen der Märkte, dass die FED die Zinsen im nächsten Jahr senken werde, nicht entkräften können.

Die alljährliche Konferenz in Jackson Hole sei nicht der "dovishe Kurswechsel" gewesen, den riskante Assets gewollt hätten. Seit der FOMC-Sitzung im Juli hätten die Finanzmärkte einen ausgewogeneren Ton von der FED erwartet. Auf der Juli-Sitzung habe der Ausschuss die Zinssätze bis nahe an den neutralen Satz erhöht, der von vielen Geldpolitikern bei 2,5% gesehen werde. Jerome Powell habe außerdem erklärt: "Da sich der geldpolitische Kurs weiter verschärft, wird es wahrscheinlich angemessen sein, das Tempo der Zinserhöhungen zu verlangsamen, während wir bewerten, wie sich unsere gesamten geldpolitischen Korrekturen auf die Wirtschaft und die Inflation auswirken".

Das Sitzungsprotokoll der FED vom Juli deute darauf hin, dass die Zentralbank angesichts der Verzögerung zwischen der Straffung und den Auswirkungen auf die Wirtschaft eine Pause einlegen könnte, damit die Erhöhungen ihre Wirkung entfalten könnten. Außerdem habe die FED seit Juni ihre Bilanzen reduziert, indem sie fällig werdende Wertpapiere abstoße. Nach Angaben der Zentralbank entspreche das Quantitative Tightening, also geldpolitische Straffung, einer Erhöhung des Leitzinses um 0,50 Prozentpunkte. Der Höchstwert des Leitzinses könnte im laufenden Zyklus aufgrund des Quantitative Tightening niedriger ausfallen.

Daher seien die US-Aktien am Freitag nach dem Jackson-Hole-Treffen abgestürzt (S&P 500 -3,3%, NASDAQ -3,9%), während die Reaktion der Treasury-Märkte relativ verhalten ausgefallen sei (2-jährige T-Notes +0,03% bei 3,39%, 10-jährige T-Notes +0,015% bei 3,04%). Die 2-jährigen T-Notes seien 15 Basispunkte unter dem höchsten Stand vom Juni gehandelt worden. In Bezug auf die erwarteten Zinserhöhungen hätten die Futures-Märkte 4% bis Ende 2022 bei drei verbleibenden Sitzungen im Jahr 2022 eingepreist. (Quelle: Bloomberg)

Trotz der Andeutungen in den Sitzungsprotokollen der FED vom Juli scheine eine Zinswende nicht unmittelbar bevorzustehen. Für die nächste geldpolitische Sitzung am 21. September habe der Vorsitzende Powell keine Hinweise darauf gegeben, ob der FOMC die Zinsen um 50 oder 75 Basispunkte anheben werde. Er habe wiederholt, dass die FED von den aktuellen Wirtschaftsdaten abhängig sei. Trader würden größtenteils davon ausgehen, dass die Zinsen zum dritten Mal in Folge eher um 75 Basispunkte als um einen geringeren Wert angehoben würden.

Beim Jackson-Hole-Treffen hätten die führenden Zentralbanker - mit Ausnahme der Bank of Japan - eine einheitliche, hawkishe Strategie zur Eindämmung der hohen Inflation verkündet. Sie würden die Straffung auch in einer Rezession fortsetzen. In einem Umfeld, das von einer Verschärfung der Finanzbedingungen und einer Verschlechterung der globalen Konjunkturaussichten geprägt sei, würden die Experten bei Risikoanlagen vorsichtig bleiben und glauben, dass sich die US-Renditekurve weiter abflachen werde. Der US-Dollar dürfte aufgrund höherer realer Renditeerwartungen in den USA, einer schwachen Wachstumsdynamik im Ausland und geopolitischer Risiken stark bleiben. (02.09.2022/alc/a/a)