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Ist die Bank of England zu langsam?


24.11.22 09:49
Ninety One

London (www.anleihencheck.de) - Von 1694, dem Gründungsjahr der Bank of England (BoE), bis Ende 2021 sind die Verbraucherpreise in Großbritannien im Schnitt um 1,8% gestiegen, so Russell Silberston von Ninety One.

Abgesehen von Kriegszeiten seien die 1970er Jahre das Jahrzehnt mit der höchsten Inflation von durchschnittlich 12,5% gewesen. Den jüngsten Daten zufolge habe die Jahresrate der Verbraucherpreise in Großbritannien zuletzt bei 11,1% gelegen. Für eine Institution, auf deren Website es heiße, sie werde "den Preisanstieg niedrig und stabil" halten, sei die 328-jährige Historie kein großer Trost, wenn sich die Inflation dem Niveau der 1970er Jahre nähere - und die historisch niedrige Inflation größtenteils unter einem metallischen Standard der einen oder anderen Art erzielt worden sei. Auf der gleichen Website heiße es: "Von der Regierung haben wir den Auftrag, die Inflation bei 2% zu halten, weil eine niedrige und stabile Inflation gut für die britische Wirtschaft ist. Wir tun dies, indem wir den Zinssatz festlegen, zu dem wir den Banken Kredite gewähren, und indem wir Vermögenswerte kaufen (oder verkaufen). Dieser Prozess wird Geldpolitik genannt."

Warum also mache die BoE keinen aggressiveren Gebrauch von der Geldpolitik, um die grassierende Inflation einzudämmen?

Die Inflation sei natürlich ein globales Problem, ausgelöst durch Ungleichgewichte von Angebot und Nachfrage im Nachgang der Coronakrise und der Energiepreisschocks infolge des russischen Einmarschs in der Ukraine. Nach Ansicht der BoE würden derartige Schocks letztlich von der Wirtschaft absorbiert, wenn sich die Lieferkettenstörungen auflösen und die Energiepreise stabilisieren würden, wenn auch auf einem höheren Niveau. Dies sei die Logik hinter der Vorstellung einer "vorübergehenden" Inflation gewesen, auf die die Geldpolitik angesichts des globalen Charakters der Öl- und Gaspreise und der internationalen Lieferketten nur schwer reagieren könne.

Doch je länger die Preise hoch bleiben würden, desto wahrscheinlicher sei es, dass diese anfänglichen Schocks auf die inländischen Preise übergreifen würden. Außerdem würden die Arbeitnehmer verständlicherweise höhere Löhne und Gehälter fordern, um den Rückgang ihres verfügbaren Einkommens zu kompensieren. Tatsächlich sei der Preisanstieg der vergangenen sechs Monaten über alle Volkswirtschaften hinweg größtenteils auf inländische Faktoren zurückzuführen, insbesondere auf die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Im Gegensatz zu den Energiepreisen könnten die Zentralbank das Preisverhalten im Inland beeinflussen. Und je schneller sie agieren würden, desto eher lasse der inländische Preisdruck nach, da höhere Zinsen die Nachfrage schwächen würden. Das erkläre, warum die weltweiten Notenbanken die Zinsen in diesem Jahr so aggressiv gestrafft hätten.

Die BoE sei recht schnell am Start gewesen. Ihre erste Zinserhöhung habe sie bereits im letzten Jahr um diese Zeit vorgenommen, bevor der Leitzins in mehreren Schritten auf 3% angehoben worden sei - den höchsten Stand seit vor der globalen Finanzkrise. Im Vergleich zu anderen großen Zentralbanken habe die BoE jedoch eher zögerlich gehandelt. Die Europäische Zentralbank (EZB) habe die Zinsen innerhalb von fünf Monaten um 2% angehoben, die US-Notenbank (FED) innerhalb von neun Monaten um 3,75%. Auch die Kommunikation der BoE sei deutlich von der anderer großer Zentralbanken abgewichen. Anstatt die Markterwartungen hinsichtlich der Höhe der Zinsen zu bestätigen, habe sie versucht, die Markterwartungen zu dämpfen. So habe die BoE erklärt, dass die Zinsen wahrscheinlich steigen würden, vermutlich aber mit einem Tempo, das "niedriger ist als es die Finanzmärkte eingepreist haben".

Russell Silberston von Ninety One führe die relative Zurückhaltung der BoE angesichts der hohen Inflation darauf zurück, dass sie nicht bereit sei, ihr prognosegestütztes Verfahren zu ändern. Dieses modelliere den Wirtschaftsausblick über einen Dreijahreshorizont und erstelle dann unter Berücksichtigung der Finanzierungsbedingungen, der Fiskalpolitik und der Kapazitätsreserven eine Inflationsprognose. Im Gegensatz dazu hätten die FED und die EZB erst die Zinsen erhöht und dann Fragen gestellt. Implizit hätten sie damit signalisiert, dass Wirtschaftsprognosen in einem unsicheren Umfeld müßig seien, zumal es ohne Preisstabilität kein dauerhaftes Wirtschaftswachstum geben könne. Indem sie versuche, die Zukunft zu prognostizieren und die Zinsen entsprechend auszutarieren, verhalte sich die BoE nicht nur ganz anders als ihre internationalen Pendants, sondern gehe auch Risiken für die Preisstabilität ein, die nur schwer zu korrigieren seien, falls sich ihre Modelle als falsch erweisen sollten.

Hätte Großbritannien einen Handelsüberschuss, würde es mehr sparen als ausgeben, oder wäre die Glaubwürdigkeit seiner Haushaltspolitik nicht gerade erst grundlegend infrage gestellt worden, wäre der Ansatz der BoE vielleicht angemessen. Es gebe jedoch Anzeichen aus der Industrie, dass sich das Preisverhalten vom Inflationsziel von 2% abkoppele. Das BoE-eigene Decision Maker Panel zeige einen branchenübergreifend erwarteten durchschnittlichen Preisanstieg von 6,4% für das nächste Jahr. Das sei ein großer Sprung gegenüber dem Wert von 4%, der vor zwölf Monaten erwartet worden sei. Die Erwartungen an die Inflation in drei Jahren würden ebenfalls steigen. Angesichts der wirtschaftlichen Schwachstellen des Vereinigten Königreichs könne es sich die BoE nicht leisten, hier einen Fehler zu machen.

Wie George Orwell gesagt habe: "Zu sehen, was sich vor der eigenen Nase befindet, bedarf ständiger Anstrengung." Die Inflation nähert sich einem Niveau, wie wir es zuletzt in den 1970ern gesehen haben, und die Inlandspreise drohen, sich vom Inflationsziel der BoE abzukoppeln, so die Experten von Ninety One. Trotzdem halte die BoE an ihrem komplexen Modellierungsansatz fest und behaupte weiterhin, dass sich die Anzeichen eines größeren inländischen Preisdrucks von selbst korrigieren würden, wenn sich die Wirtschaft abschwäche. Manchmal sei es besser, die Dinge nicht zu kompliziert zu machen. Andere Zentralbanken hätten einen einfacheren Weg gewählt: Sie hätten die Zinsen schnell und aggressiv gestrafft, weil sie wissen würden, dass sie ihre Politik neu kalibrieren könnten, sobald sie ausreichend restriktiv sei.

Bleibe nur zu hoffen, dass die Bank of England mit ihren Bemühungen, den Weg zur Preisstabilität zu modellieren, richtig liege. (24.11.2022/alc/a/a)