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Internationale Rentenmärkte weiterhin vom FED-Kurs geprägt


06.06.22 08:30
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Die internationalen Rentenmärkte werden weiterhin vor allem vom Kurs der US-Notenbank geprägt, berichten die Analysten der National-Bank AG.

Grundsätzlich sei der Weg für die FED noch weit, es könne als relativ sicher gelten, dass den jüngsten Zinsschritten von kumuliert 75 Basispunkten eine ganze Kette weiterer Schritte folgen dürfte. Diskutiert werde innerhalb des FOMC daher vor allem das weitere Tempo der Anhebung der Zinssätze: Eine Gruppe geldpolitischer "Falken" favorisiere hier eine schnelle Straffung der Geldpolitik bis zum Jahresende, andere Stimmen würden eher zu einem graduelleren Ansatz tendieren. Letztlich komme es darauf, wann und ob sich erste Anzeichen für ein Nachlassen des Preisdrucks ergeben würden. Bis dahin dürfte es wohl zunächst bei jeweils größeren Schritten von mindestens 50 Basispunkten bleiben - die Analysten der National-Bank AG sähen auf Sicht der nächsten zwölf Monate unverändert Notenbank-Sätze um 3% als wahrscheinlich an, ihre Zinsprojektion für die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen würden sie abermals weiter anheben und nunmehr US-Renditen um 3,2% auf Jahressicht erwarten.

Der Kurswechsel der EZB falle unterdessen wohl doch deutlicher aus, als bislang auch von den Analysten der National-Bank AG erwartet: EZB-Präsidentin Christine Lagarde habe zuletzt verlauten lassen, dass die EZB für das Ende des dritten Quartals einen Einlagensatz von 0% vorsehe, was zwei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte impliziere. Jenseits dieser Maßnahmen stelle die EZB nunmehr Zinserhöhungen in Richtung auf das neutrale Niveau in Aussicht, das aus der Sicht der EZB zwischen 1% und 1,5% zu verorten sei. Hintergrund der Kehrtwende der EZB, die nunmehr offenkundig auch die chronischen Tauben im EZB-Rat erreicht habe, sei der Umstand, dass sich die Inflationsproblematik im Euroraum weiter intensiviere. So habe sich der Preisdruck auf den vorgelagerten Stufen der Produktion weiter verfestigt, auch würden mehr und mehr Forderungen nach entsprechenden Lohnanpassungen wirksam. Dieser Indikation könne sich die EZB nicht entziehen, obgleich die nunmehr ins Auge gefassten Maßnahmen an der angebotsseitigen Inflationsproblematik kaum etwas ändern dürften.

Im Ergebnis würden die Analysten der National-Bank AG nunmehr damit rechnen, dass die EZB in der Tat ab dem dritten Quartal beginnen werde, dass Gefüge der Notenbanksätze nach oben zu schleusen. Wie weit diese Entwicklung trage, werde von einer Vielzahl von Faktoren abhängen, insbesondere vom Fortgang des Krieges in der Ukraine, der für die Entwicklung sowohl der Konjunktur als auch der Inflation der Länder der Eurozone eine überragende Bedeutung habe. Aus heutiger Sicht dürfte die EZB auf Jahressicht den Einlagensatz auf Werte um 0,5% anheben, den Hauptrefinanzierungssatz würden die Analysten der National-Bank AG für den gleichen Zeitraum bei 1,0% verorten. Gleichwohl bleibe diese Indikation unter wesentlich mehr Vorbehalten als bei der FED.

Sowohl was die realwirtschaftliche Entwicklung anbelange, als auch mit Blick auf die Heterogenität der Interessen und Meinungen im Rat der EZB seien die EZB-Entscheidungen mit viel mehr Unsicherheit behaftet als bei der US-Notenbank. Sowohl die Maßstäbe der Analyse seien unklarer, als auch der politische Wille der einzelnen Gouverneure im EZB-Rat: Die EZB reagiere eher als dass sie agiere, sie könne sich dem immer größeren Problemdruck aber letztlich auch nicht entziehen. Da der Auftragsüberhang in der Eurozone so enorm groß sei, dürfte eine Änderung dieser Konstellation nach Erachten der Analysten der National-Bank AG eher von außen einsetzen, wenn sich das internationale Umfeld signifikant ändere. Am wahrscheinlichsten sei es, dass der internationale Preisdruck allmählich nachlasse, wenn sich etwa die globalen logistischen Probleme allmählich auflösen würden.

Sobald etwa in den USA eine erste nachhaltige Entspannung des Preisdrucks auf den Vorstufen der Produktion sichtbar werde, würden hiervon auch erhebliche Signalwirkungen auf die europäische Geldpolitik ausgehen. Dies könnte der EZB im Rahmen weiter sinkender Inflationserwartungen die Legitimation verschaffen, den geldpolitischen Straffungskurs auszusetzen oder zumindest erheblich abzuschwächen. Die Analysten der National-Bank AG würden ihre Projektionen für die deutschen 10-jährigen Benchmark-Sätze gleichwohl weiter anheben und hier nunmehr Renditen um 1,35% auf Jahressicht erwarten. (Ausgabe vom 03.06.2022) (06.06.2022/alc/a/a)