Inflation als grausamste Steuer


08.06.22 16:27
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Im Jahr 1997 habe ich zum ersten Mal über den Wert stabiler Preise und die Kosten der Inflation geschrieben, so Dr. Gertrud R. Traud Chefvolkswirtin/Head of Research & Advisory bei der Helaba.

Damals habe das kaum jemand interessiert, denn die Inflation sei niedrig und die Arbeitslosenzahlen hoch gewesen. Bis 2020, also bis zur Corona-Krise, habe in vielen Ländern Preisniveaustabilität geherrscht. Der 20-jährige Durchschnitt der Inflationsrate habe sich in Deutschland auf 1,5%, in der Eurozone auf 1,7% belaufen.

Bis zum Sommer letzten Jahres habe dies der Definition der EZB "unter, aber nahe 2%" entsprochen. Dann habe die EZB jedoch ihre Strategie angepasst und die mittelfristige Preisniveaustabilität als einen Durchschnitt von 2% definiert, was ein eindeutiges Signal dafür gewesen sei, dass sie in Zukunft signifikant höhere Raten tolerieren würde. Das Bewusstsein über den Nutzen niedriger Inflationsraten sei offensichtlich verlorengegangen. Kaum sei die Katze aus dem Sack gewesen, seien die Inflationsraten kontinuierlich gestiegen und würden nunmehr in der Eurozone und Deutschland Raten von rund 8% erreichen. Plötzlich sei klar, dass Inflation ihren Preis habe.

Was seien die Kosten von Inflation und wer sei am meisten betroffen?

Man könne zwischen ökonomischen und nicht-ökonomischen Kosten unterscheiden. Zu den zweitgenannten gehöre die Gefahr der Aushöhlung der Demokratie, gepaart mit einem möglichen Verfall der Moral. Dies basiere auf der Tatsache, dass Schuldner zu den Gewinnern der Inflation gehören würden und bei ausufernder Verschuldung und Inflation die Gefahr einer politischen Radikalisierung steige - siehe die jüngsten Wahlen in Frankreich.

Je höher die Preissteigerungen, desto größer würden die Schwankungen der Inflationsraten. Dadurch würden sowohl die Haushalte als auch die Unternehmen verunsichert, da es zunehmend schwieriger werde, zwischen einer normalen Verschiebung der relativen Preise und dem allgemeinen Inflationsprozess zu unterscheiden. Dies verhindere den optimalen Einsatz von Gütern sowie Arbeitskräften und könne zu Fehlentscheidungen führen.

Inflation führe zu negativen Umverteilungseffekten: Verlierer der Inflation seien insbesondere die Lohnempfänger und Gläubiger sowie alle Bezieher nominal festgelegter Einkommen. Eine Anpassung erfolge in der Regel erst mit zeitlicher Verzögerung, wenn die Geldentwertung schon weit fortgeschritten sei. Dies gelte auch für Empfänger staatlicher Sozialleistungen, wenn diese nicht an die Inflation gekoppelt seien - so wie in Deutschland üblich. Je höher die Inflation und je seltener die nominale Anpassung der Leistungen erfolge, desto höher seien die Kosten der Inflation. Deshalb spreche man bei der Inflation auch von der grausamsten Steuer, da sie insbesondere die sozial Schwachen trifft und keine Ausweichreaktion erlaube.

Inflation senke den Realwert derjenigen Vermögenswerte, die auf einen festen Geldbetrag lauten würden. In Kombination mit den seit Juni 2014 negativen Einlagezinsen würden die Realzinsen nunmehr historische Tiefststände erreichen, d.h. die Inflation sei deutlich höher als der Zins. Dies führe zu einer Umverteilung vom Sparer zum Kreditnehmer. Da Spareinlagen die typische Anlageform breiter Bevölkerungsschichten sei, würden diese einen großen Teil der Inflationskosten tragen.

Aber auch der Steuerzahler sei ein Inflationsverlierer. Da das deutscher Steuersystem keiner Indexierung unterliege, führe die Inflation dazu, dass die Steuerzahler mit inflationsbedingt höheren Nominaleinkommen entsprechend höheren Steuersätzen unterliegen würden. Diese kalte Progression erhöhe den Realwert der Steuerschuld und reduziere das real verfügbare Einkommen. Darüber hinaus würden konstante Freibeträge und Abzüge von der Bemessungsgrundlage entwertet, wodurch ein weiterer Progressionseffekt ausgelöst werde. Der Staat sei somit ein Inflationsgewinner, während Unternehmen und Haushalte auf der Verliererseite stünden. Nicht nur die EZB, auch der Staat sei somit gefordert, für Erleichterung zu sorgen. (08.06.2022/alc/a/a)





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