Inflation: Unterschätzte Zähigkeit


12.01.23 12:49
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Hurra, die Preise sinken! So konnte mancher Beobachter die Euphorie interpretieren, die sich angesichts der niedrigeren Inflationszahlen in der Eurozone an der Börse und in einigen Medien artikulierte, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Ein Blick auf die genauen Zahlen sollte jedoch für etwas Ernüchterung sorgen. Vor allem aber sei in Zweifel zu ziehen, dass man schon bald wieder Preisstabilität erreiche und die EZB Entwarnung geben werde.

Richtig sei, dass die durchschnittlichen Preise der Eurozone im Dezember das zweite Mal in Folge gegenüber dem Vormonat gefallen seien. Zu verdanken sei dies den Energiepreisen, wie die Autofahrer unter Ihnen vermutlich an der Zapfsäule hätten beobachten können. Richtig sei aber auch, dass die Preise im Vergleich zum Dezember 2021 noch 9,2% höher seien. Das sei zwar weniger als im November, als die Preise noch mit einer Jahresrate von 10,1% gestiegen seien, aber die Inflation sei damit immer noch meilenweit entfernt von der Zielmarke der EZB, die bei 2% liege.

Aber wenn es mit den Energiepreisen so weiter nach unten gehe, dann habe man vielleicht ja sogar negative Jahresraten bei den Preisen für Heizöl, Benzin, Diesel und Erdgas, und alles werde richtig günstig, oder? Zumal die Preise für Erdgas in den letzten Wochen auf den Stand gefallen seien, der vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine zu beobachten gewesen sei. Sorry, aber auch hier müsse Dr. Cyrus de la Rubia Wasser in den Wein gießen. Erstens könne es gut sein, dass die Preise für Erdöl, Benzin und Diesel wieder steigen würden. Immerhin habe die OPEC+ die Förderquoten um insgesamt 2 Millionen Barrel/Tag für dieses Jahr gesenkt.

Außerdem werde die EU ab Februar keinen Diesel mehr aus Russland importieren, der im vergangenen Jahr noch ein Zehntel des Gesamtverbrauchs gedeckt habe, in Deutschland sogar ein Sechstel. Wichtig sei auch, dass die Öffnung Chinas mehr Nachfrage nach Erdöl und Erdgas bedeuten und somit die Preise stützen dürfte.

Vor allem aber kämen die zuletzt gefallenen Großhandelspreise für Erdgas und Strom nur mit einer Verzögerung bei den privaten Haushalten an. Viele Verträge seien in Deutschland zum Jahresende umgestellt worden und es seien gemäß der Marktlage höhere Preise vereinbart worden. Diese Preise stünden bei den meisten Verbrauchern dann erst mal für zwölf, manche auf für 24 Monate fest. Die Preisbremsen für Erdgas und Strom könnten den Preisauftrieb zwar dämpfen, aber auch die dort festgelegten Preise seien in der Regel deutlich höher als die Preise, die in den alten Verträgen stünden.

In Frankreich sehe es nicht besser aus: Hier hätten die Versorger die Preise im vergangenen Jahr nur um 4% anheben dürfen, dieses Jahr sei ihnen ein Preisanstieg von 15% erlaubt, und genau das dürften sie angesichts der erzwungenen Preiszurückhaltung auch tun. Insgesamt werde die Energieinflation also in den ersten Monaten des Jahres möglicherweise sogar steigen, in jedem Fall dürfte sich der Rückgang nicht mit der Dynamik fortsetzen, die zuletzt zu beobachten gewesen sei.

Würden aber nicht auch die anderen Preise irgendwann zurückgehen? Die Antwort darauf laute bislang nein. Denn die sogenannte Kerninflation, die Energie und Lebensmittel ausklammert, sei im Jahr 2022 durchgehend gestiegen, auch im Dezember sei das der Fall gewesen. Gemäß dieser Messung seien die Preise 5,2% höher als im Vorjahresmonat und sie würden keine Anstalten machen, wieder zu fallen. Anders als in den USA seien die Preise für langlebige Wirtschaftsgüter wie Autos und Möbel bis zuletzt überdurchschnittlich gestiegen. Und im deutschen Einzelhandel würden fast 70% der befragten Unternehmen sagen, dass sie beabsichtigen würden, die Preise innerhalb der nächsten drei Monaten weiter anzuheben. Vermutlich werde dies weniger deutlich sein, als das zuletzt der Fall gewesen sei, sodass die Jahresrate der Inflation vielleicht sogar sinke.

Aber von einer raschen Disinflation könne man kaum ausgehen. Dazu komme, dass im Verarbeitenden Gewerbe immer noch rund 50% der befragten Unternehmen über Lieferkettenengpässe klagen würden. Das seien zwar weniger als die 81,9%, die Ende 2021 dokumentiert worden seien, aber üblicherweise würden deutlich weniger als 10% der Firmen Materialmangel als Wachstumshemmnis nennen. Die Produktion werde darüber hinaus durch das Fehlen von Arbeitskräften verteuert. In Deutschland und Frankreich würden 41% bzw. 26% der befragten Unternehmen dies als eine ihrer Schwierigkeiten nennen, ohne dass sich hier eine Entspannung abzeichne. Dazu passe, dass die Autoren einer Anfang Januar erschienen EZB-Studie erwarten würden, dass die Löhne in der Eurozone in den nächsten Quartalen kräftig steigen würden.

So weit so schlecht. Natürlich gebe es gewisse statistische Basiseffekte. Wenn der Preis für ein Produkt um 20% steige und dann für ein Jahr auf diesem hohen Niveau bleibe, sei die Jahresrate der Teuerung am Ende dieses Zeitraums bei 0%. Und dieser Effekt werde in diesem Jahr durchaus zu spüren sein, sodass die Inflation der Eurozone am Jahresende zwar niedriger, aber vermutlich immer noch zwischen 5% und 6% liegen werde.

Man müsse sich aber auch damit vertraut machen, dass die Inflation nicht nur wegen der oben genannten kurzfristigen Effekte auf einem relativ hohen Niveau bleiben werde, sondern dass es langfristig wegen einer Reihe von strukturellen Faktoren einen anhaltenden Preisdruck nach oben gebe. Die demografische Lage, die am Arbeitsmarkt bereits deutlich zu spüren sei, werde sich selbst im Fall eines kräftigen Zuwachses bei der Zuwanderung eher verschlechtern und den Arbeitnehmern mehr Verhandlungsmacht geben. Die notwendigen Klimaschutzmaßnahmen inklusive steigende CO2-Abgaben seien ebenfalls ein Preistreiber. Und das Streben der Unternehmen, resilientere globale Wertschöpfungsketten aufzubauen, verteuere zusätzlich die Produktion.

Auf die EZB kämen schwierige Zeiten zu, da sie es nunmehr mit einem strukturellen Preisauftrieb (und nicht wie in den vergangenen Jahrzehnten mit einem strukturellen Disinflationstrend) zu tun habe. Gut möglich, dass die Europäische Notenbank schon 2024 laut über eine Flexibilisierung des Inflationsziels nachdenke. Das wäre dann ein echter Wendepunkt. (12.01.2023/alc/a/a)