Inflation: Strategien gegen böse Überraschungen


23.06.22 08:30
Candriam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Inflation ist ein komplexes Phänomen, so Nicolas Forest, Global Head of Fixed Income bei Candriam.

Sie neige dazu, sich zu verstärken, wenn die Wirtschaftsakteure glauben würden, dass sie vorhanden sei. Somit sei sie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das mache es schwierig, sie vorherzusagen - einer der Gründe, warum sich die Zentralbanken in den letzten Jahren in ihren Prognosen größtenteils geirrt hätten. Erst hätten sie die Inflation überschätzt, sich in den letzten Monaten jedoch sowohl in den USA als auch in Europa einer Preissteigerung gegenübergesehen, die viel höher gewesen sei, als sie erwartet hatten.

Wie Karl Otto Pöhl, Präsident der Deutschen Bundesbank, 1980 so treffend gesagt habe: "Die Inflation ist wie Zahnpasta: Ist sie erst mal heraus aus der Tube, bekommt man sie kaum mehr rein. Das Beste ist, nicht zu fest auf die Tube zu drücken." In Anbetracht der aktuellen Zahlen scheine es, dass die Geld- und Finanzbehörden gerade etwas zu stark gedrückt hätten.

Natürlich werde die Inflation durch einen einfachen Basiseffekt sinken. Aber wie weit? Für die Märkte und erst recht für Wirtschaftsakteure mache es einen enormen Unterschied, ob die Inflation auf unter 2% zurückkehre, wie es zehn Jahre lang die Norm gewesen sei, oder sich auf 3% einpendele. Aktuell rechne der Markt mit einer Inflation, die in den USA bis Ende 2023 auf 3% zurückgehen werde. Candriams zentrales Szenario sehe jedoch anders aus: Die Experten würden von einem erheblichen Risiko einer höheren Inflation ausgehen.

Inflation werde hoch bleiben: Worauf stütze sich diese Meinung? Die Experten von Candriam sähen drei langfristige Faktoren, die dazu beitragen würden, dass die Inflation nicht auf ihr altes Niveau zurückkehre:

1. Die Steuer- und Währungsanreize: Die Zentralbanken hätten sich einem Strukturwandel unterzogen und sich nach einer strategischen Überprüfung ein symmetrischeres Inflationsziel gesetzt. Vor einigen Jahren habe das Ziel der Währungshüter noch darin bestanden, die Inflation wiederherzustellen. Heute scheinen sie dieses Ziel ganz klar erreicht zu haben - genau gesagt, sind sie über dieses hinausgeschossen, so die Experten von Candriam. Die extremen Liquiditätsspritzen in Verbindung mit einem Konjunkturaufschwung hätten in hohem Maße zum inflationären Umfeld beigetragen. Angesichts der niedrigen Arbeitslosenquoten und der demographischen Alterung könnte das Risiko erneuter Lohnverhandlungen die Inflationsspirale weiter anheizen.

2. Lieferketten unter Druck: Bereits lange vor Covid hätten die Lieferketten unter Druck gestanden: Die Deglobalisierung, die insbesondere unter der Präsidentschaft von Donald Trump und aufgrund der Handelsspannungen mit China klare Züge angenommen habe, sei durch den "Covid-Effekt" zusätzlich verstärkt worden. Und diese Entwicklung scheine sich unweigerlich fortzusetzen. In Verbindung mit dem Klimawandel könnte das Risiko einer Nahrungsmittelkrise die Inflationsprognosen noch nachhaltiger beeinflussen.

3. Die Kosten für die Energiewende: Einige Finanzspezialisten würden sie als die "Greenflation" bezeichnen. Die Unternehmen müssten sehr viel in den ökologischen Wandel investieren, denn die Kosten seien sehr hoch und würden aufgrund der hohen Nachfrage noch weiter ansteigen. Ein Beispiel: Für den Bau einer 3-Megawatt-Windturbine seien 2 t Seltenerdmetall, 3 t Aluminium, 3,5 t Kupfer und 335 t Stahl erforderlich! Eine solche Nachfrage werde die Rohstoffkosten strukturell belasten. Die Energiewende könnte sich zudem auch auf die mittelfristigen Inflationserwartungen auswirken.

Was könnten Anleger tun?

Die beste Möglichkeit für Anleiheinvestoren, der Inflation entgegenzuwirken, bestehe darin, die Zinssensitivität möglichst gering zu halten und äußerst selektiv zu sein. In ihren Portfolios würden die Experten von Candriam jene festverzinslichen Instrumente bevorzugen, die sich am besten für ein solches Umfeld eignen würden:

- Variabel verzinsliche Anleihen: Ihr Kupon werde auf der Grundlage eines Referenzzinssatzes (der dreimonatige Interbankzinssatz) und eines vom Markt ermittelten Credit Spreads regelmäßig neu festgesetzt - damit würden diese Anleihen eine natürliche Absicherung gegen Zinserhöhungen bieten. Eine durchschnittliche Kreditprämie von fast 120 Basispunkten sei aktuell realistisch. Wenn man davon ausgehe, dass die kurzfristigen Zinssätze über 1% lägen, könnte sich eine solche Strategie auszahlen. Darüber hinaus sei die Entwicklung von variabel verzinslichen Anleihen negativ mit der Rendite von Staatsanleihen korreliert. Sie würden somit im Rahmen eines Anleiheportfolios eine gute Diversifikation bieten.

- Inflationsgebundene Anleihen, mit einer Präferenz für das kurze Ende der Kurve. Die Inflationszahlen in Europa dürften in den kommenden Monaten weiterhin über den Erwartungen liegen und der Inflationsdruck nehme unter anderem aufgrund hoher Rohstoffpreise, der Deglobalisierung und wegen Lieferkettenproblemen weiter zu. In diesem Umfeld seien inflationsgebundene Anleihen ein interessantes Instrument, um sich gegen das Risiko von Inflationsüberraschungen zu schützen. Nach dem jüngsten Rückgang der Inflationserwartungen erscheinen sie uns als eine sinnvolle Alternative zu festverzinslichen Anleihen, vor allem am kurzen Ende der Kurve, so die Experten von Candriam. Die in den kommenden Monaten anhaltende Inflation biete somit einen nicht unerheblichen Schutz vor steigenden Realzinsen.

Die langfristigen Herausforderungen seien enorm. Sie würden die Inflation nachhaltig beeinflussen und würden gleichzeitig für Volatilität sorgen. Daher sei es wichtig, die Portfolios gut vorzubereiten. In diesen Zeiten der Instabilität dürfte ein flexibles, aktives und verantwortungsbewusstes Management an Bedeutung gewinnen. (23.06.2022/alc/a/a)