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Indien: Notenbank bleibt auf Straffungskurs


16.09.22 12:51
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das indische Bruttoinlandsprodukt ist im zweiten Quartal um 13,5% yoy gestiegen, so die Analysten der DekaBank.

Dieser hohe Wert sei aber überwiegend auf einen Basiseffekt zurückzuführen, da das Vorjahresquartal von Corona-Beschränkungen stark belastet gewesen sei. Die aktuelle Konjunkturdynamik lasse sich üblicherweise besser an der saisonbereinigten Quartalveränderungsrate ablesen, die allerdings nicht offiziell ausgewiesen werde. Die Berechnung der Analysten ergebe hier ein kräftiges Plus von 5,5%, was aber ein verzerrter Wert sei, da die Saisonbereinigung aufgrund der Lockdowns der vergangenen Jahre mit zu großen Datensprüngen zu kämpfen habe.

Der konjunkturelle Ausblick werde vom anhaltenden Preisdruck belastet, der die Kaufkraft der privaten Haushalte schwäche. Die Inflationsrate sei im August von 6,7% auf 7,0% gestiegen. Zwar sei der Anstieg vor allem auf höhere Nahrungsmittelpreise zurückzuführen gewesen, doch eine Kernrate von 5,9% weise auf einen breit angelegten Preisdruck hin. Daher könne die Notenbank bis auf weiteres nicht von ihrem geldpolitischen Straffungskurs abrücken.

Im August hätten die Währungshüter den Leitzins um 50 Basispunkte auf 5,4% angehoben und weitere Schritte in Aussicht gestellt. Die nächste Sitzung finde am 30. September statt, bei der ein Schritt um 35 oder sogar noch einmal 50 Basispunkte wahrscheinlich erscheine. Die Straffung der Geldpolitik sei der zweite wichtige Belastungsfaktoren für den Konjunkturausblick Indiens. Der dritte Faktor sei die Schwäche der globalen Konjunktur. Bereits im Juli habe sich das Exportwachstum massiv von 23,5% auf 2,1% yoy verlangsamt. Die Analysten hätten ihre BIP-Prognose für 2022 von 6,8% auf 7,1% angehoben und für 2023 von 6,1% auf 5,8% gesenkt.

Die Hoffnung, Indien könne zur nächsten großen Wachstumsgeschichte werden, sei in den vergangenen Jahren regelmäßig enttäuscht worden. Angesichts fundamentaler Schwächen würden auch nach der Überwindung der Corona-Krise mittelfristig Raten von deutlich mehr als 7% eher optimistisch erscheinen. So gebe es große Mängel in der Infrastruktur, im Bildungswesen und in der öffentlichen Verwaltung. Anders als in früheren Jahren wolle die Regierung nun die Wirtschaft allerdings durch eine expansive Fiskalpolitik stärken.

Der Grenzkonflikt mit China habe das Verhältnis der beiden Länder nachhaltig belastet. Chinesische Unternehmen dürften sich in den kommenden Jahren mit Investitionen in Indien zurückhalten. Durch den Abzug der USA aus Afghanistan sei die strategische Stellung der beiden indischen Konkurrenten China und Pakistan gestärkt worden. So habe Indien ein Interesse an guten Beziehungen zu den USA, um seine Position zu stärken, auch wenn Indien eine offensive Politik der Eindämmung Chinas ablehne.

Moody’s habe das Rating für indische Fremdwährungsverbindlichkeiten im Juni 2020 auf Baa3 gesenkt und vor allem die strukturelle Wachstumsschwäche kritisiert. In der Krise sei die Staatsverschuldung gestiegen. Die Staatsfinanzen hätten schon vor der Krise zu den Schwachpunkten im indischen Bonitätsprofil gezählt. Im Oktober 2021 habe Moody’s aber den Ratingausblick auf stabil verbessert und damit das Risiko einer weiteren Herabstufung in den Junk-Bereich reduziert. Fitch vergebe allerdings noch einen negativen Ausblick und stufe das Land ebenfalls auf der untersten Stufe des Investment-Grade-Bereichs ein. Die Abkehr von der eher konservativen Fiskalpolitik früherer Jahre erhöhe das Risiko einer Herabstufung. Angesichts der geringen Auslandsverschuldung Indiens stehe die Zahlungsfähigkeit des Landes jedoch nicht infrage. (16.09.2022/alc/a/a)