Erweiterte Funktionen

Die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken ist in Gefahr


17.06.22 12:30
BlueBay Asset Management

London (www.anleihencheck.de) - Die Enttäuschung bezüglich der über den Prognosen liegenden US-Inflationsdaten vom 10. Juli führte dazu, dass die Marktteilnehmer zu Beginn der folgenden Woche mit einer Zinserhöhung um 75 Basispunkte rechneten, so Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay Asset Management.

Die Bestätigung eines solchen Schrittes durch den Offenmarktausschuss der US-Notenbank (FED) sei daher wenig überraschend gekommen.

In den Tagen vor der FED-Sitzung seien die Renditen über die gesamte Kurve hinweg auf neue Höchststände gestiegen. Die Futures-Märkte hätten mit einem Höchststand der US-Zinsen von rund 4 Prozent gerechnet. Das Ausbleiben eines raschen Rückgangs der Inflation stelle inzwischen eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken dar. Daher sei das Vorgehen der US-Währungshüter insofern zu begrüßen, als dass es derartige Bedenken ausräume.

Insgesamt gebe es erste Anzeichen für eine Verlangsamung der US-Inflation. Die Wirtschaftstätigkeit scheine sich als Reaktion auf die anhaltende Verschärfung der finanziellen Bedingungen abzuschwächen. Ausgehend von der Einschätzung, dass die FED die Zinsen weiter anheben werde, bis die Kerninflation unter 3 Prozent sinke, dürften die Zinsen bis Ende 2022 in Richtung 3,5 Prozent steigen und Anfang 2023 ihren Höchststand erreichen.

Aus Sicht der Experten könne eine Rezession vermieden werden, wenn die Zinsen nicht über 4 Prozent steigen würden. Das wiederum hänge von der Inflation ab. Es könne also knapp werden. Je höher die Zinsen in der Zwischenzeit jedoch steigen würden, desto wahrscheinlicher werde die FED später im Jahr 2023 ihren Kurs ändern. Daher könnte ein Großteil der schlechten Nachrichten bereits in den Markterwartungen eingepreist sein.

Die Kombination aus höheren Zinsen, verlangsamtem Wachstum und anhaltenden Inflationsängsten stelle vorerst eine starke Belastung für Risikoanlagen dar. Die Experten seien der Meinung, dass das Vertrauen in die Zentralbanken eine Grundvoraussetzung für die Stabilisierung der Märkte sein werde. Gleichzeitig müsse sich aber auch zeigen, dass die Inflationsbedenken abnehmen würden.

In der Eurozone hätten die steigenden Renditen in den Peripherieländern dazu geführt, dass am 15. Juni eine außerordentliche Sitzung des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) einberufen worden sei. Daraufhin seien die Zinsaufschläge gesunken. Das Meeting habe jedoch wenig neue Informationen geliefert - auch wenn danach durchgesickert sei, dass man bis zur Juli-Sitzung der EZB ein neues Instrument einsetzen möchte. Inzwischen würden sich die Spreads auf dem Niveau wie bei der jüngsten EZB-Sitzung befinden. Daher würden die Experten bezweifeln, dass ein Notfallplan ausgelöst werde, sofern sich die Zinsaufschläge nicht verschärfen würden.

Letztendlich werde es schwierig sein, sich auf ein zusätzliches Anleihekaufprogramm zu einigen. Denn es könnte der Vorwurf der Abweichung vom Mandat der Zentralbank laut werden, wenn die Staatsfinanzierung ohne wesentliche Auflagen erfolge. Eine glaubwürdigere Reduzierung des Fragmentierungsrisikos wäre aus unserer Sicht durch Schritte in Richtung einer konkreteren fiskalischen und politischen Union innerhalb der Eurozone möglich. In dieser Hinsicht herrsche jedoch nach wie vor Stillstand. (17.06.2022/alc/a/a)