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Gelingt den Notenbanken ein "Soft Landing"?


09.06.22 08:30
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Eine der meistdiskutierten Fragen an den Finanzmärkten ist derzeit, ob den Notenbanken, allen voran der FED, in den nächsten sechs bis zwölf Monaten ein sogenanntes "Soft Landing" gelingen wird, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG.

Darunter wäre zu verstehen, dass die Geldpolitik nur so weit gestrafft werde, um zwar die Konjunkturdynamik abzukühlen und damit einhergehend die Teuerung einzubremsen, ohne aber einen starken Einbruch der Wirtschaft im Sinne einer Rezession zu verursachen. Anhand einer zunehmenden Anzahl von Frühindikatoren zeige sich schon jetzt, dass es zu einer Abkühlung kommen werde, allerdings erscheine die Rezessionswahrscheinlichkeit insbesondere in den USA immer noch relativ gering. In der Eurozone, nicht zuletzt aufgrund der geografischen Nähe zum Krieg in der Ukraine, sei das Risiko einer Rezession wohl deutlich höher einzustufen. Was für beide Regionen bis dato zutreffe, sei der robuste Arbeitsmarkt, der allerdings für die Notenbanken gewissermaßen Fluch und Segen zugleich darstelle. Denn einerseits ermögliche eine sehr geringe Arbeitslosigkeit Spielräume für ein restriktiveres Vorgehen in Hinblick auf die Sorgen vor einer Lohn-Preis-Spirale, andererseits hätten die Arbeitsmarktzahlen unter den Makrodaten einen vergleichsweise nachhinkenden Informationsgehalt. Der über die Geldpolitik vorgesehene Liquiditätsentzug über eher zügige Leitzinsanhebungen, bei gleichzeitig deutlichem Abbau der Wertpapierbestände, sei für die Finanzmärkte schon jetzt ein beachtlicher Belastungsfaktor. Ob und inwieweit dadurch auch die Gesamtwirtschaft abgeschwächt und letztlich die Inflation eingedämmt werde, lasse sich heute noch nicht absehen. Das in der Historie immer wieder mal gelungene "Soft Landing" wäre zwar wünschenswert, sei aber eine schwierige Gratwanderung.

Staatsanleihen: Potenzial bei kurz laufenden Staatsanleihen

Nach dem rasanten Anstieg der Staatsanleiherenditen ab März 2022 habe diese dynamische Entwicklung im Mai ihr (vorläufiges) Ende gefunden. Raiffeisen Capital Management bewerte aktuell kurze Staatsanleihen als attraktiv. Innerhalb der europäischen Staatsanleihen-Welt sehe es insbesondere italienische Staatsanleihen kritisch, die (trotz attraktiver Renditen) kurzfristig von den im Sommer beginnenden Zinsanhebungen in Europa und dem Ende der Anleihenkäufe negativ betroffen sein könnten.

Unternehmensanleihen: Vorsichtige Positionierung angebracht

Am Corporate Bond Markt präferiere Raiffeisen Capital Management derzeit Bankanleihen gegenüber Non-Financials-Anleihen (Industrieanleihen), ebenso Investmentgrade-Anleihen gegenüber High-Yield-Anleihen in Euro. Die Risikoprämien letzterer würden zwar deutlich angestiegene Ausfallsrisiken signalisieren, nach Meinung von Raiffeisen Capital Management jedoch noch nicht ausreichend eine zu erwartende Abkühlung der konjunkturellen Entwicklung diskontieren. Nach wie vor gebe es deutschen Pfandbriefen gegenüber Euro-Staatsanleihen den Vorzug.

Emerging-Markets-Anleihen würden Krieg in der Ukraine und Geldpolitik zu schaffen machen

Die Risikoprämien von Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen würden sich nicht unattraktiv präsentieren, doch v.a. die in Asien/China zunehmend schwachen Konjunkturindikatoren und die kaum zu prognostizierenden Auswirkungen der restriktiven Covid-Politik (Lockdowns) würden Raiffeisen Capital Management veranlassen, bei dieser Anleiheklasse vorerst nicht zuzugreifen.

Entwickelte Aktienmärkte: Restriktiver werdendes Liquiditätsumfeld

Die internationalen Aktienmärkte hätten sich trotz weiter steigender Renditen zuletzt etwas fester präsentiert. Raiffeisen Capital Management sehe das restriktiver werdende Liquiditätsumfeld aber unverändert als einen der größten Belastungsfaktoren für die nächsten Monate. Im Gegensatz zu den Anleihemärkten sehe es dieses Thema auf der Aktienseite noch nicht ausreichend in den Kursen reflektiert. Raiffeisen Capital Management bleibe daher bei Aktien weiter vorsichtig.
Schwellenländer-Aktienmärkte: Covid-Lage in China belastet Unternehmen teilweise schwer

Emerging-Markets-Aktien würden seit Jahresbeginn mehr oder weniger auf der Stelle treten. Aktien bzw. Regionen, die einen Rohstoffbezug hätten, könnten sich dabei recht gut behaupten. Aktien, die an der lokalen chinesischen Wirtschaft hängen würden, würden sich deutlich schwerer tun. Die aktuelle Covid-Lage in China, dessen Politik weiter auf vollkommene Abschottung bei Auftreten von Krankheitsfällen liege, belaste diese Unternehmen schwer. Die Entwicklung von Emerging-Markets-Aktien sei im abgelaufenen Monat im Einklang mit entwickelten Aktienmärkten verlaufen.

Rohstoffmärkte: Angebotsbild bleibe bei vielen Rohstoffen angespannt

Die Rohstoffmärkte würden sich weiterhin sehr fest präsentieren. Das Angebotsbild sei bei vielen Rohstoffen unverändert angespannt (und dieses Bild sei auch schon vor dem Ukraine-Krieg vorherrschend gewesen). Auf Sektorebene sei natürlich der Energiesektor am stärksten betroffen. Eine Sonderrolle spiele hierbei aktuell sicher die Entwicklung im Bereich Erdgas. Trotz der sehr hohen Preisniveaus seien die Unternehmen bei Investitionen (in zukünftiges Angebot) weiter sehr zurückhaltend. Raiffeisen Capital Management halte in der Anlageklasse Rohstoffe aktuell keine taktische Position. (09.06.2022/alc/a/a)