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Geldpolitische Zeitenwende der EZB - APP und Negativzinsen bald Geschichte


10.06.22 09:51
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank hat auf ihrer mit Spannung erwarteten Sitzung die Voraussetzungen für eine historische geldpolitische Wende geschaffen, so die Analysten der Nord LB.

Die Leitzinsen seien heute zwar noch einmal unverändert geblieben, allerdings habe der EZB-Rat die Einleitung der Zinswende im Juli vorbereitet. So würden die Nettoanleihekäufe im Rahmen des APP zur Jahresmitte, eine wichtige Voraussetzung (gemäß "Sequencing") für eine erste Leitzinserhöhung um 25 Basispunkte im Juli enden. Zudem kündige die EZB einen weiteren Zinsschritt für September an und behalte sich - in Abhängigkeit vom mittelfristigen Inflationsausblick - hierbei auch eine Anhebung um 50 Basispunkte ausdrücklich vor.

Das Inflationsumfeld habe sich durch den Angebotsschock infolge des Ukrainekriegs nochmals deutlich verschärft und somit auch der Druck auf die EZB, ihren geldpolitischen Exit zu beschleunigen. Im Mai sei die Inflationsrate im gemeinsamen Währungsraum auf einen Rekordwert von 8,1% Y/Y gesprungen. Dies sei zwar weiterhin auch auf hohe Energiepreise (+39,7% Y/Y) zurückzuführen, allerdings habe sich auch die Kernrate ex Energie auf 4,7% Y/Y beschleunigt. Der Inflationsdruck habe somit an Breite gewonnen, und auch die hohe Streuung der Inflationsraten im Währungsraum von 5,6% (Malta) bis 20,1% (Estland) seien mit Blick auf die Inflationserwartungen ein Anlass zur Sorge. Angesichts der Entwicklung auf vorgelagerten Preisstufen dürfte der Preisdruck kurzfristig kaum nachlassen, so sei bei den Erzeugerpreisen im April mit 37,2% Y/Y ein Rekordwert markiert worden.

Dies schlage sich auch in den erneut deutlich veränderten Projektionen der EZB nieder. Mit 6,8% in 2022 sowie 3,5% in 2023 würden nun erhebliche Abweichungen vom Zielwert erwartet. Ein wichtiges Signal für die Zinspolitik sei zudem, dass erstmals auch für 2024 (2,1%) und damit durchgängig bis zum Ende des Prognosehorizonts eine dauerhafte Verfehlung des Inflationsziels von mittelfristig 2,0% erwartet werde. Konjunkturell werde von einem dämpfenden Effekt ausgegangen. Für 2022 erwarte die EZB ein BIP-Wachstum von nur noch 2,8%, gefolgt von jeweils 2,1% in den Folgejahren.

Es sei zu begrüßen, dass sich die EZB nun aufmache, zügig eine geldpolitische Normalisierung voranzutreiben. Nettoanleihekäufe und Negativzinsen seien schon länger nicht mehr adäquat, angesichts einer Inflationsrate jenseits der 8%-Marke sogar völlig aus der Zeit gefallen. Ein weiteres Zögern hätte den Euro zusätzlich unter Druck gesetzt und zugleich das Risiko erhöht, dass die EZB später deutlich heftiger auf die Bremse treten müsse. Die Beendigung dieser unkonventionellen Maßnahmen im Laufe des Sommers werde jedoch nicht ausreichen und könne daher nur ein erster Schritt für eine ganze Serie von Zinserhöhungen in den kommenden Quartalen sein. Im kommenden Jahr werde der relevante Einlagesatz mindestens in den Bereich von 1,5% angehoben werden müssen, bei einem anhaltend ungünstigen Inflationsausblick sogar über dieses Niveau hinaus.

Der Euro habe etwas Auftrieb erhalten und die Kapitalmarktzinsen seien infolge der Beschlüsse deutlich geklettert. Für den Moment sei es der EZB offenbar gelungen, nicht hinter die Markterwartungen zurückzufallen, sondern vielmehr ein überraschend hawkishes Signal zu setzen.

Fazit: Die EZB habe auf ihrer Junisitzung eine geldpolitische Zeitenwende eingeleitet. Infolge des Angebotsschocks durch den Krieg in der Ukraine habe sich der Inflationsausblick auch auf mittlere Sicht erheblich verschlechtert. Dem würden die Währungshüter nun Rechnung tragen, indem die APP-Nettoanleihekäufe zur Jahresmitte beendet und ab Juli auch die Leitzinsen schrittweise angehoben würden. Bereits im September würden somit Negativzinsen der Geschichte angehören, angesichts des anhaltenden Inflationsdrucks sei dann auch eine Erhöhung der Leitzinsen um 50 Basispunkte wahrscheinlich.

Zudem würden die Analysten angesichts des hawkishen Statements der EZB davon ausgehen, dass dies erst der Auftakt für eine ganze Serie von Zinserhöhungen sein werde. Entsprechend sei die Reaktion der Kapitalmarktzinsen ausgefallen, und die zinstreibenden Faktoren sollten im Euroraum vorerst die Oberhand behalten. (Ausgabe vom 09.06.2022) (10.06.2022/alc/a/a)