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FED wird das neutrale Zinsniveau temporär übersteigen


16.06.22 09:00
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Im Vorfeld der FOMC-Sitzung stellte sich der Treasury-Markt auf eine aggressivere Haltung der Federal Reserve ein, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Ausgelöst durch die höher als erwartete Verbraucherpreisinflation im Mai werde nun eine Anhebung um 75 Basispunkte für die Sitzungen im Juni und Juli eingepreist, was die Leitzinsen in ein Band zwischen 2,25 und 2,5% bringen würde, ein Niveau, das als neutral angesehen werde. Dies stehe zwar im Einklang mit der Leitlinie der FED, sich zügig auf das neutrale Niveau zuzubewegen, stehe aber im Gegensatz zu Powells Erklärung vom Mai, dass eine Anhebung um 75 Basispunkte nicht aktiv in Betracht gezogen werde.

Vor den Zinssitzungen unterliege der Offenmarktausschuss einer Blackout-Periode. Dennoch seien Gerüchte aufgetaucht, dass sich der Ausschuss im Vorfeld auf einen größeren Schritt einstelle. Angesichts der raschen Neupositionierung am Markt seien die Analysten der Meinung, dass es sich dabei um mehr als nur Gerüchte handele, sondern dass das FOMC den Markt wahrscheinlich auf ein aggressiveres Vorgehen habe vorbereiten wollen. Einige Worte zum Auslöser: Die Inflationsrate sei im Mai höher ausgefallen als erwartet, insbesondere die Gesamtinflation, die 8,6% p.a. erreicht habe. Es sei erwartet worden, dass die Inflation im März bei 8,5% ihren Höhepunkt erreicht habe, was, wie man jetzt wisse, nicht der Fall gewesen sei. Im Gegensatz dazu sei die Kerninflation von 6,4% im März auf 6% p.a. zurückgegangen.

Die Inflationsdynamik (Veränderungen gegenüber dem Vormonat) sei bei Nahrungsmitteln (1,2% p.m.) und Energiepreisen (3,9%) besonders stark gewesen. Bei der Kernrate sei der Inflationsdruck mit 0,6% p.m. hoch geblieben, habe sich aber nicht weiter beschleunigt. Angesichts dieses Inflationsdrucks werde die FED das neutrale Zinsniveau temporär übersteigen. Der Markt rechne nun mit einem Höchststand der Leitzinsen bei etwa 4%.

Die FED werde im Anschluss an die Zinssitzung auch neue Wirtschaftsprognosen veröffentlichen, welche auch die Leitzinsen umfassen würden. Die Höhe des Zinsniveaus zu Jahresende 2023/24 werde dabei besonders im Fokus stehen. Klar sei: Je aggressiver die FED die Leitzinsen in den restriktiven Bereich anhebe, desto größer werde die dämpfende Wirkung auf die US-Wirtschaft sein. Die Debatte darüber, ob es der FED gelingen werde, die Konjunktur graduell zu zügeln, ein sogenanntes "soft landing", gewinne weiter an Substanz. Die Treasury-Kurve sei nun zwischen den Laufzeiten von 2 und 30 Jahren nahezu flach. (Ausgabe vom 15.06.2022) (16.06.2022/alc/a/a)