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FED wagt stärkste Zinserhöhung seit 1994


16.06.22 11:00
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank FED hat die Leitzinsen am Mittwochabend (15.06.) um 75 Basispunkte auf eine Spanne von 1,5 bis 1,75 Prozent angehoben - so kräftig wie seit 1994 nicht mehr, so die Experten von "FONDS professionell".

Im Juli stehe eine weitere Zinserhöhung um 50 bis 75 Basispunkte an, habe der Offenmarktausschuss um Präsident Jerome Powell deutlich gemacht.

Damit reagiere die FED auf die hohe Inflation in den USA, die im Mai bei 8,6 Prozent gelegen habe - und damit deutlich höher, als an den Finanzmärkten erwartet worden sei. Die Bekanntgabe der Teuerungsrate habe einen neuerlichen Kursrutsch an den Märkten ausgelöst. Powell selbst habe eingeräumt, die Höhe der Inflation hätte ihn "überrascht".

Der FED-Chef und seine Kollegen hätten deutlich gemacht, dass sie entschlossen gegen die Teuerung vorgehen möchten. In ihrer obligatorischen Presseerklärung würden sie sich verpflichten, "die Inflation auf das Zwei-Prozent-Ziel zurückzuführen". Ende dieses Jahres würden sie nun mit einem Leitzins von 3,4 Prozent rechnen, für 2023 würden sie ein Niveau von 3,8 Prozent erwarten.

Schon in den vergangenen Tagen habe sich an den Märkten die Erwartung verfestigt, dass die FED die Leitzinsen um 0,75 Prozentpunkte anheben werde und nicht nur um 0,5 Punkte, wie sie das im Mai angekündigt habe. Nach der Zinsentscheidung sei es daher zunächst nur zu verhaltenen Reaktionen an den Finanzmärkten gekommen, im weiteren Verlauf hätten die US-Börsen sogar kräftig zugelegt. In Europa dagegen habe am Donnerstagvormittag die Skepsis regiert: Der DAX habe rund 1,9 Prozent im Minus notiert, der EURO STOXX 50 habe 1,7 Prozent verloren. Für den europäischen Auswahlindex bedeute das den tiefsten Stand seit Jahresbeginn.

"Die Zinserhöhung um 75 Basispunkte ist ein klares Signal, dass die Bank ihr Stabilitätsziel nach längerem Zögern jetzt mit Nachdruck verfolgt und nicht die Fehler der Politik in den 1970er Jahren wiederholen wird", meine Michael Heise, der Chefökonom des Multi-Family-Office HQ Trust.

Er rechne in den kommenden Monaten mit einer deutlichen Abschwächung der Konjunktur. Aber: "Eine starke Rezession wird durch die hohen Auftragsbestände der Industrie und eine starke Post-Corona-Nachfrage im Dienstleistungssektor verhindert werden." Die Finanzmärkte hätten eine konjunkturelle Schwäche bereits vorweggenommen. "Da sich auch die Inflationsrate in den nächsten Monaten wieder zurückbilden sollte, dürften sich die Aktienmärkte schon bald stabilisieren", so Heises Erwartung.

"Insgesamt scheinen die US-Notenbanker fest entschlossen, ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, und zwar insbesondere in Bezug auf ihre Fähigkeit, die noch zu hohe Inflation in den Griff zu bekommen", kommentiere Christian Scherrmann, US-Volkswirt der DWS, in einer ersten Markteinschätzung. "Mit Blick auf die Zukunft muss die US-Notenbank diese Härte nun jedoch umsetzen - selbst wenn das Ergebnis eine Rezession sein sollte. Die Risiken dafür sind jetzt eindeutig noch weiter gestiegen."

Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater zufolge befinde sich die FED im "Panik-Modus". Der US-Wirtschaft drohe im zweiten Halbjahr ein "doppelter Würgegriff aus einer zu hohen Preisdynamik und einer restriktiven Geldpolitik". (16.06.2022/alc/a/a)