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FED drückt den Panikknopf


17.06.22 15:15
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nun können wir die US-Notenbank für die aktuelle Höhe des Leitzinskorridors von 1,50% bis 1,75% nicht wirklich kritisieren, so die Analysten der Helaba.

Er könnte durchaus berechtigt sein, bzw. sei gemessen an der makroökonomischen Lage eher sogar noch zu niedrig. Aber es hätte die Möglichkeit gegeben, mit einem Ende der Wertpapierkäufe im Frühjahr 2021 und einer graduellen Anhebung der Leitzinsen ab Mitte letzten Jahres mit deutlich weniger Drama und negativen Nebenwirkungen zu diesem Punkt zu kommen.

Aber, wie ein großer deutscher Denker gesagt habe: "Hätte, hätte, Fahrradkette!" In der Realität habe die FED die Normalisierung der Geldpolitik zu lange verzögert und sei nun im Panik-Modus. Die Inflationsdaten zum Mai am 10. Juni seien unschön gewesen. Sie würden isoliert aber keinen Anlass für die Anhebung des Leitzinses in einer Größenordnung liefern, die viele, wenn nicht alle, FOMC-Mitglieder bis zu diesem Datum stets ausdrücklich abgelehnt bzw. ausgeschlossen hätten.

Laut Berichten hätten FED-Vertreter in den Tagen nach dem 10. Juni Pläne über einen 75er Schritt über ausgewählte Medien "durchsickern" lassen. Dies wäre ein weiterer Schritt zurück in die schlechte alte Zeit der Notenbankkommunikation. Es könnte zudem rechtliche Konsequenzen haben. Und FED-Chef Powell dürfte bei den in der Berichtswoche anstehenden Kongressanhörungen einige unangenehme Fragen hinsichtlich der Transparenz und Berechenbarkeit der Geldpolitik zu hören bekommen. Auf der Pressekonferenz am 16. Juni habe er sie noch ignorieren können.

Das FOMC unterstreiche mit dem großen Schritt und der spürbaren Anhebung der Projektionen für den "angemessenen" Leitzins in den kommenden Jahren seine Entschlossenheit, die Inflation einzudämmen. Dies lege für die nächsten Monate eine härtere Gangart nahe, als die Analysten bislang unterstellt hätten: einen Anstieg des Leitzinses um 50 Basispunkte auf den Sitzungen im Juli, September und November und um 25 Basispunkte im Dezember. Damit wäre der Korridor für die Federal Funds Rate Ende 2022 bei 3,25 % bis 3,50%, 50 Basispunkte höher als die Analysten bisher erwartet hätten. Wie es danach weitergehe, hänge stark von der Entwicklung bei Inflation und Konjunktur ab.

Weniger Teuerung und ein stärkerer Schwungverlust beim Wachstum könnten den geldpolitischen Handlungsbedarf senken. Die Analysten würden weiter davon ausgehen, dass die FED den Straffungszyklus Anfang 2023 stoppe, nun auf dem etwas höheren Leitzinsniveau von 3,50% bis 3,75%.

Denn das Rezessions-Risiko für 2023 nehme weiter zu. Zwar wäre ein Leitzinsniveau von gut 3,5% oder auch knapp 4% aus Sicht der Analysten als mittelfristig grob neutral einzuschätzen - vor allem, wenn das reale Pendant angesichts der hohen Teuerung deutlich niedriger liege. Aber der sehr schnelle, kräftige Anstieg der Zinsen werde viele Akteure auf dem falschen Fuß erwischen und einiges an Kollateralschäden verursachen, nicht zuletzt am Wohnungsmarkt. Die gute Nachricht: Der letzte Zinszyklus, in dem es eine Anhebung um 75 Basispunkte gegeben habe (1994), sei das einzige Mal in der neueren Wirtschaftsgeschichte gewesen, dass es die FED geschafft habe, nach einer kräftigen Erhöhung des Leitzinses eine "soft landing" zu erreichen, also keine Rezession auszulösen. Dennoch stehe diee Konjunkturprognose, insbesondere für 2023, nun auf dem Prüfstand. (17.06.2022/alc/a/a)