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FED bleibt "hawkish"


22.09.22 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Gestern hat die FED ihre Entscheidung bekannt gegeben, den Leitzins erneut um 75 BP anzuheben, womit das Leitzinsniveau die Bandbreite 3,00% bis 3,25% erreicht hat, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die Botschaft sei nach wie vor "hawkish" gewesen: Inflationsbekämpfung stehe an erster Stelle und man würde dafür auch eine Rezession in Kauf nehmen, so könnte man die Aussagen von Notenbankchef Jerome Powell zusammenfassen. Renditeseitig habe sich in Reaktion auf die Entscheidung die Inversion der Zinsstruktur vertieft, denn die zweijährigen T-Notes-Renditen seien auf fast 4% gestiegen und die zehnjährigen Renditen seien mehr oder weniger bei 3,55% geblieben.

Gemäß der neuen Schätzungen der FED-Mitglieder werde der Leitzins bis zum Jahresende im Mittel 4,4% erreichen und 2023 marginal steigen und 2024 dann leicht unter 4% sinken. Die FED sei also bereit, den Leitzins relativ lange auf einem erhöhten Niveau zu halten. Powell habe das in der Weise kommentiert, dass die FED ein ausreichend restriktives Zinsniveau erreichen möchte, um die Inflation wieder in Richtung 2% zu bringen. Und wenn man dieses ausreichend restriktive Zinsniveau erreicht habe, dann werde man daran auch zunächst festhalten. Gemäß der FED-Schätzung werde die PCE-Inflation (die im Juli bei 6,3% gelegen habe) im kommenden Jahr bereits auf 2,8% gefallen sein und 2024 auf 2,3%. Auch wenn die FED offiziell den PCE-Deflator als Maßstab für sein Inflationsziel definiert habe, schaue Powell doch relativ dezidiert auf die wesentlich höher notierende CPI-Inflation, die im August bei 8,3% gelegen habe.

Um das Inflationsziel zu erreichen, sei es notwendig, dass die Arbeitslosigkeit etwas steige. Powell habe gesagt, die Geldpolitik werde durchaus schmerzhaft für viele Menschen sein, aber es gäbe keinen anderen Weg. Gemessen an historischen Maßstäben, werde die Arbeitslosigkeit nur relativ milde steigen. Die FED-Projektionen sehen für das nächste Jahr eine Arbeitslosigkeit von 4,4% voraus, derzeit sind wir bei 3,7%, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Das Wirtschaftswachstum für dieses Jahr werde übrigens bei nur 0,2% angesetzt, was implizieren würde, dass es in den verbleibenden Quartalen noch zu einer schweren Rezession käme oder der FED lägen stark nach unten revidierte Zahlen für das BIP vor. Der Konsens für das BIP-Wachstum in diesem Jahr liege bei 1,7%, sodass die Prognose der FED schwer zu interpretieren sei. Für das nächste Jahr erwarte man nur 1,2% BIP-Zuwachs, aber keine Rezession.

Dass es bei der nächsten Sitzung vermutlich erneut zu einer Zinserhöhung von 75 BP kommen werde, sei auch dadurch verdeutlicht worden, dass Powell festgestellt habe, dass sich eine durchaus große Gruppe der FED-Mitglieder für 100 BP ausgesprochen habe.

Unter dem Strich habe Powell seine Botschaft von Jackson Hole wiederholt und die Inflationsbekämpfung als oberste Priorität genannt, notfalls auf Kosten einer Rezession.

Das andere große Thema in diesen Tagen sei der Krieg in der Ukraine bzw. die Teilmobilmachung, die Präsident Putin gestern Morgen (21.09.) angekündigt habe. Die Frage, was dies für den weiteren Verlauf dieses Krieges bedeute, sei kaum zu beantworten. Es gebe verschiedene Szenarien, die diskutiert würden. Das eine Szenario sei, dass Putin mit der Mobilmachung von 300.000 Reservisten in den nächsten Wochen mehr oder weniger die Lücken füllen werde, die die russische Armee durch die gefallenen und verletzten Soldaten erlitten habe. In dieser Interpretation würden diese Maßnahmen nicht grundsätzlich so viel ändern.

Die zweite Interpretation sei, dass hier eine neue Eskalationsstufe erreicht werde und damit letztlich die Drohung unterstrichen werde, dass auch weitere Eskalationsstufen gezündet werden könnten, einschließlich des Einsatzes von taktischen Nuklearwaffen. Das würde die Nervosität an den Finanzmärkten erheblich verstärken.

Falls die Ratio eine Rolle spielen sollte, dann sei in den vergangenen Tagen in jedem Fall ein Faktor dazu gekommen, der Russland bremsen könnte, nämlich die Haltung von China und Indien, die bei ihrem Treffen mit Putin deutlich gemacht hätten, dass sie diesen Krieg beendet sehen möchten.

Ab morgen bis zum 27. September fänden die sogenannten Referenden in den Regionen Luhansk, Donetzk, Cherson und Saporischschja statt. Mit diesen Abstimmungen möchte Putin vermutlich erreichen, dass er seine Teilmobilmachung besser rechtfertigen könne, indem er argumentiere, es werde quasi Russland angegriffen und Russland müsse verteidigt werden.

Am Sonntag fänden Wahlen in Italien statt. Es könnte sein, dass die mehr oder weniger gemeinsame Haltung der EU gegenüber Russland auseinander dividiert werde, weil die voraussichtlich neue rechtspopulistische Regierung aus Fratelli d'Italia, Forza Italia und Lega eher russlandfreundlich sei. Eine neue Eurokrise würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank nicht erwarten, weil sich die Chefin der Fratelli d'Italia, Giorgia Meloni, wenig konfrontativ gegenüber Brüssel zeige, was mit den Milliardensummen aus dem New Generation Fund zu tun haben dürfte, die Italien in den nächsten Quartalen abrufen möchte.
Nächste Woche werde die Gemeinschaftsdiagnose für Deutschland veröffentlicht. Einige Prognosen der beteiligten Institute seien bereits bekannt, sodass man davon ausgehen könne, dass hier eine Rezession in 2023 prognostiziert werde.

Datenseitig sei auf die PMI-Einkaufsmanagerindices unter anderem für die Eurozone zu achten (23.09., Schnellschätzung für September) sowie auf den ifo-Index (26.09.). Außerdem kämen die ersten Inflationsdaten der Eurozone heraus (Deutschland und Spanien am 29.09. und Frankreich und Italien am 30.09., dann werde auch die Schnellschätzung der Eurozone veröffentlicht). Beachten sollte man auch das GfK-Konsumentenvertrauen (28.09. für den laufenden Monat). (22.09.2022/alc/a/a)