Erweiterte Funktionen

FED: Der Preis der zu großen Gelassenheit


10.06.22 12:23
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Wie schon in den Jahren nach der Finanzkrise haben Vertreter der FED auch nach dem Pandemie-Schock von 2020 gebetsmühlenartig von asymmetrischen Risiken gesprochen, nicht zuletzt auch wegen des so genannten "zero-lower-bound", so die Analysten der Helaba.

Das Argument gehe so: "Weil wir die Leitzinsen nicht unter null senken können, ist an dieser Stelle unsere Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Wertpapierkäufe sind nur ein unvollständiger Ersatz für Zinssenkungen. Nach oben ist hingegen viel Platz. Wir haben daher jede Menge Spielraum, die Geldpolitik zu straffen, wenn es irgendwann erforderlich werden sollte." Damit sei eine dauerhaft (zu?) lockere Geldpolitik begründet worden.

Die Analysten der Helaba hätten diesen Ansatz schon lange kritisiert. Nur weil die FED den Spielraum habe, bedeute nicht, dass sie ihn auch nutze. Seit 2020 befinde sich die Geldpolitik in einer Extremposition und sie habe seitdem quasi allen Asset-Märkten gleichzeitig erhebliche Liquiditätsimpulse gegeben. Schon dies habe die Bereitschaft der FED, im Notfall schnell das Ruder herumzuwerfen, in diesem Zyklus von Anfang an mehr als fragwürdig gemacht. Die aktuelle Generation der Geldpolitiker habe zudem immer wieder ein "bias" gehabt, im Zweifel zu expansiv zu sein und eine konjunkturelle Abschwächung lieber nicht zu riskieren. Dieses Problem sei noch durch den 2020 stark ausgeweiteten Einsatz der "forward guidance" verstärkt worden, denn deren Wirkung beruhe ja gerade auf dem Glauben der Märkte, dass die FED wirklich tue, was sie ankündige.

Mittlerweile wissen wir, dass unsere Sorgen berechtigt waren. Obwohl sie "den Spielraum hatte", bewegte sich die FED 2021 erst mal gar nicht und dann nur im Schneckentempo, so die Analysten der Helaba. Dies räche sich 2022 nun in Form einer schnelleren und stärkeren Straffung, die für 2023/2024 erhebliche Rezessionsrisiken mit sich bringe - genau das Resultat, das die Notenbanker ja eigentlich hätten vermeiden wollen. Infolge des zeitlichen Verzugs seien derzeit Zinserhöhungen um 50 Basispunkte pro FOMC-Sitzung die neue Normalität. Dies gelte auch für die anstehende Sitzung.

Spannend sei in dieser Woche daher primär, wie sich die Projektionen der FOMC-Mitglieder seit März verändert hätten, wobei hier zu bedenken sei, dass die unmittelbare Vergleichbarkeit durch Personalwechsel eingeschränkt sei. Vor drei Monaten habe die Mehrheit der Notenbanker ein "soft landing" der US-Konjunktur mit Wachstumsraten um die 2% und mit einer Seitwärtsbewegung der Arbeitslosenquote auf dem aktuellen Niveau von rund 3,5% als am wahrscheinlichsten angesehen. Gleichzeitig sollte die Teuerung 2023 und 2024 zwar fallen, das Ziel der FED von 2% aber selbst am Ende dieses Zeitraumes nicht ganz erreichen.

Dies decke sich grob mit den derzeitigen Prognosen der Analysten der Helaba. Allerdings hätten die FOMC-Mitglieder im März noch einen Leitzins unterstellt, der Ende 2022 nur bei 1,9% und erst Ende 2023 bei 2,8% liegen sollte. Mittlerweile sei ihnen aber klargeworden, dass dies kein realistischer Pfad sei. Von daher sei für Ende 2022 nun von einem Projektions-Median um die 3% auszugehen, was wiederum der Prognose der Analysten der Helaba und auch den am Future-Markt reflektierten aktuellen Erwartungen der Marktteilnehmer entspreche. Ob dies genügen würde, um das Inflationsproblem in den Griff zu bekommen, sei aber alles andere als eine ausgemachte Sache. Und selbst wenn es reiche, könnte der Preis eine prägnanter als erwartet ausfallende konjunkturelle Abschwächung sein. Ein Alternativ-Szenario, in dem die FED den Leitzins auf ein restriktives Niveau - d.h. noch deutlich stärker - erhöhen müsse und die Konjunktur in eine Rezession bremse, sei zudem lange nicht so wahrscheinlich wie heute gewesen. Wir werden zu diesem Thema in Kürze einen ausführlicheren US-Fokus publizieren, so die Analysten der Helaba. (10.06.2022/alc/a/a)