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Europäische High-Yield-Anleihen: Kurz vor Tagesanbruch ist es immer am dunkelsten


24.11.22 11:46
Fisch Asset Management

Zürich (www.anleihencheck.de) - Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die Konjunkturdaten mit einer gewissen Verzögerung zeigen, dass sich Europa aktuell bereits in einer Rezession befindet, so Kyle Kloc, Senior Portfolio Manager bei Fisch Asset Management.

Anleger erreiche diese Information nach einem bisher für sie ausgesprochen schlechten Jahr. Doch für Anleiheinvestoren müsse dies nicht zwingend so negativ sein, wie es zunächst scheine. Das gelte sogar für das konjunktursensible High-Yield-Segment. Denn nach dem Rückgang der Anleihekurse seit Jahresbeginn biete sich dadurch eine ungewöhnlich attraktive Gelegenheit.

Kurzer Rückblick: Für das High-Yield-Segment sei 2022, mit Ausnahme der Finanzkrise 2008, das bisher bei weitem schlechteste Kalenderjahr aller Zeiten gewesen. Die Performance sei vor allem durch den deutlichen Renditeanstieg bei Staatsanleihen sowie die Folgen des Kriegs in der Ukraine beeinflusst worden. Eine dieser Folgen sei der rasante Anstieg der Erdgaspreise gewesen, insbesondere in Europa, der aufgrund der Struktur des Marktes auch zu deutlich höheren Strompreisen in Europa geführt habe.

Dies habe viele Unternehmen stark unter Druck gesetzt. Die Spreads des breiten europäischen High-Yield-Index, ICE BofA European Currency High Yield Constrained Index (HPC0), seien von 338 Basispunkten (Bp.) Ende 2021 auf aktuell rund 550 Bp. nach oben geschossen. Anders als in normalen Jahren mit deutlich negativen Gesamtrenditen seien die Ausfallquoten diesmal nicht wesentlich gestiegen. Sie lägen noch immer unter 1,0% und damit deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt.

Nach Phasen, in denen sich High-Yield-Anleihen besonders schwach entwickelt hätten, hätten sich in der Vergangenheit immer gute Chancen für einen Einstieg geboten. Denn auf ein negatives Jahr sei oft eine starke Erholung gefolgt. Auf globaler Ebene sei die Performance der Anlageklasse noch nie zwei Jahre in Folge negativ gewesen.

Vor diesem Hintergrund erscheine für europäische Investoren ihre Heimatregion besonders attraktiv im Vergleich zu anderen Märkten. Selbstverständlich habe es erhebliche Abflüsse aus der Anlageklasse gegeben, was für ein Jahr mit negativer Entwicklung typisch sei. Die Faktoren, die zu der schwachen Jahresperformance geführt hätten, hätten sich jedoch stark von denen unterschieden, die normalerweise in einem Rezessionsumfeld vorherrschen würden - insbesondere ein starker Anstieg der Spreads auf etwa 800 Bp. in Europa und deutlich höhere Ausfallquoten.

Weder das eine noch das andere sei derzeit der Fall. Zwar würden sich die Anleihekurse aktuell im Schnitt auf einem niedrigen Niveau befinden, was im Einklang mit einem Rezessionsszenario stehe. Dieser Umstand liege jedoch vor allem an den niedrigen Kupons der in den letzten Jahren emittierten Titel und den Zinserhöhungen der letzten Monate und nicht an einem Anstieg der Spreads, der in dieser Phase des Konjunkturzyklus normalerweise zu beobachten wäre. Auch Währungserwägungen würden für europäische High-Yield-Anleihen sprechen, da die Kosten für die Absicherung des Währungsrisikos von US-Dollar-Positionen für Anleger mit Euro oder Schweizer Franken als Basiswährung ebenfalls sehr hoch seien und die mit US-High-Yield-Anleihen zu erzielenden Gesamtrenditen erheblich schmälern würden.

Was den Anlagezeitpunkt angehe, könnten die Spreads nach Einschätzung der Experten durchaus noch etwas weiter ansteigen. Es sei jedoch sinnvoll, sich schon jetzt mit dem High-Yield-Segment zu beschäftigen und darauf vorzubereiten, zum richtigen Zeitpunkt zu investieren. In den nächsten zwölf Monaten sollte die Anlageklasse Anlegern solide Renditen bieten, auch wenn die Entwicklung nicht linear verlaufen dürfte. Angesichts niedriger Anleihepreise würden sich attraktive Einstiegschancen für neue Anleger ergeben. Und auch wenn die niedrigen Kurse für Anleger mit bestehenden Positionen schmerzhaft seien, würden sie eine Gelegenheit zur Aufstockung von Positionen darstellen, da sie den möglichen Verlust bei einem Zahlungsausfall begrenzen würden.

Kurse im Bereich von 75 bis 85 Prozent würden bereits einen erheblichen Rückgang ausweisen und lägen sehr viel näher an den möglichen Verwertungserlösen als vor einem Jahr. Dieser Puffer entschädige Anleger in ähnlicher Weise für die zusätzlichen Risiken, wie dies bei höheren Spreads der Fall wäre. Spreads in Höhe von 700 Bp., die damit etwas über den aktuellen Niveaus lägen, würden aus Sicht der Experten daher eine angemessene Risikoprämie darstellen. Üblicherweise würden die Spreads in einem rezessiven Umfeld auf etwa 800 Bp. steigen.

Die Experten würden jedoch nicht erwarten, dass die Ausfallquoten normale Rezessionsniveaus erreichen würden. Denn der Anteil der Emittenten mit geringer Qualität im Index sei niedriger als in früheren Phasen. Und die Emittenten würden zu Beginn dieses Abschwungs über bessere Fundamentaldaten, eine solide Liquidität verfügen und hätten wenig Probleme bei der Einhaltung von Kreditvereinbarungen (Covenants).

Wichtig sei auch, dass die Spreads ihren Höchststand in der Regel lange vor dem Ende einer Rezession erreichen würden. Um in der Nähe des Höchststands der Spreads zu investieren, müssten Anleger in den Markt einsteigen, bevor der nächste Aufschwung beginne. Dabei sollten sie sich an das bekannte Sprichwort erinnern, dass es kurz vor Tagesanbruch immer am dunkelsten sei. Darüber hinaus sollten aktive Manager volatile Zeiten wie diese begrüßen, da sie in der Regel reichlich Gelegenheit zur Generierung von Alpha böten. (24.11.2022/alc/a/a)