Es sind weitere Zinsanhebungen nötig, um der Inflation ernsthaft zu begegnen


09.09.22 12:30
Generali Investments

Köln (www.anleihencheck.de) - Der aktuelle Leitzins der EZB liegt nun bei 1,25 Prozent, so Martin Wolburg, Senior Economist von Generali Investments.

Da der Einlagensatz mit 0,75 Prozent nun wieder im positiven Bereich liege, habe der EZB-Rat auch das zweistufige System für die Vergütung von Überschussreserven ausgesetzt. Keine Änderung habe es bei den QE-Reinvestitionen gegeben, d.h. die PEPP-Käufe sollten mindestens bis Ende 2024 vollständig reinvestiert, aber flexibel angewendet werden, um eine ordnungsgemäße Übertragung der Politik zu gewährleisten. Darüber hinaus sei bekräftigt worden, die Reinvestitionen im Rahmen des Ankaufprogramms von Vermögenswerten (APP) für einen längeren Zeitraum beizubehalten. Um einer Verknappung der Sicherheiten vorzubeugen, habe der Rat außerdem beschlossen, die Nullverzinsung von Staatseinlagen bis zum 30. April 2023 auszusetzen.

Schlechte Inflationsaussichten würden den Ton angeben

Die Inflationswerte seien in letzter Zeit sprunghaft angestiegen und hätten damit alle Erwartungen deutlich übertroffen. Es überrasche nicht, dass die aktualisierten Projektionen den erwarteten Inflationspfad noch einmal nach oben verschieben und nun jährliche Inflationsraten von 8,1% für 2022 (von 6,8%), 5,5% für 2023 (von 3,5%) und 2,3% für 2024 (von 2,1%) vorhersagen würden. Damit würde die Inflation vorerst über dem Zielwert der EZB bleiben. In den Fragen und Antworten habe Präsidentin Lagarde auch das Ausmaß und die Dauerhaftigkeit der Inflation betont. Zudem hätten sich auch die Konjunkturaussichten verschlechtert, da die Wachstumserwartungen für 2023/24 nach unten korrigiert worden seien. Wie Präsidentin Lagarde jedoch deutlich gemacht habe, werde der Euroraum nach dem zentralen Szenario der EZB eine schwere Rezession vermeiden. Es sei sehr deutlich geworden, dass im derzeitigen Umfeld der Schwerpunkt auf der Inflationsbekämpfung liegen werde. Die Inflationsrisiken würden eindeutig aufwärtsgerichtet bleiben, insbesondere auf kurze Sicht. Sollten jedoch "die Energiekosten sinken oder die Nachfrage mittelfristig nachlassen, würde dies den Druck auf die Preise verringern". Allerdings sehe das aktualisierte Abwärtsszenario der EZB die Inflation sogar noch höher als im Basisszenario (8,4% im Jahr 2022, 6,9% im Jahr 2023, 2,7% im Jahr 2024), so dass die Gründe für höhere Zinssätze nach wie vor gegeben seien.

Die Zinssätze werden bis auf Weiteres das wichtigste Instrument der Politik bleiben

Es stehe außer Frage, dass weitere Zinserhöhungen anstünden. Auf die entscheidende Frage, wo der EZB-Rat die aktuellen neutralen oder endgültigen Zinssätze sehe, sei Lagarde unbestimmt geblieben, habe aber erklärt, dass es noch mehrere Sitzungen brauchen werde, um dorthin zu gelangen. Sie habe angedeutet, dass das Erreichen eines Leitzinsniveaus, das zur Senkung der Inflation beitrage, weitere Zinserhöhungen bis zum ersten Quartal 2023 erfordere. Je nach Umfang der Zinserhöhungen auf der Oktober-, Dezember-, Januar- und vielleicht auch März-Sitzung läge der Leitzins dann deutlich in der von verschiedenen Rats-Mitgliedern als neutral angesehenen Spanne zwischen 1,0% und 2,0% oder sogar darüber hinaus. Es bestehe kein Zweifel daran, dass der Leitzins bis auf weiteres das wichtigste geldpolitische Instrument bleiben werde.

Aufwärtsrisiken für angepasste Leitzinserwartung von 1,75% zum Jahresende 2022

Alles in allem rechne Generali Investments weiterhin mit entschlossenen Zinserhöhungen und habe angesichts der gestrigen Sitzung ihre Leitzinserwartung für das Jahresende 2022 von 1,5% auf 1,75% angepasst. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts hätten die Märkte ihre Erwartung bereits auf 1,79% angehoben. Angesichts von Gesamtinflationsraten von rund 10% im September und Oktober sehe Generali Investments sogar das Risiko einer weiteren Zinserhöhung um 75 Basispunkte und damit eines höheren Jahresendsatzes, da die EZB sehr entschlossen sei, die Inflation zu bekämpfen. Im Jahr 2023 würden jedoch zaghafte Anzeichen für einen nachlassenden Inflationsdruck und die Erwartung von Generali Investments, dass die Verschärfung der Finanzierungsbedingungen inmitten einer schweren Energiekrise die Wirtschaft des Euroraums mit ziemlicher Sicherheit in eine Rezession stürzen werde, ein langsameres Tempo der Zinserhöhungen und einen Stopp in Q1/2023 erwarten lassen. Darüber hinaus sehe Generali Investments angesichts der rekordhohen Spreads am vorderen Ende der Zins-Kurve (Schatz-Spread) die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen zur Verbesserung der politischen Transmission. (09.09.2022/alc/a/a)