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Entschlossene Reaktion der Notenbanken


03.08.22 09:15
Swisscanto Invest

Zürich (www.anleihencheck.de) - Die Inflationszahlen der vergangenen Wochen haben auf eindrückliche Art und Weise gezeigt, dass der Preisdruck immer noch ausgesprochen hoch ist, so die Experten von Swisscanto Invest.

So hätten die Konsumentenpreise auch im Juli rund um den Globus markant und oftmals stärker als erwartet zugenommen. Höhere Energie- und Nahrungsmittelpreise als Folge des Ukraine-Krieges seien dabei die wichtigsten Treiber gewesen. In den USA und Großbritannien liege die Inflation mittlerweile über 9%, und auch in der Eurozone und Kanada sei die Teuerung ähnlich hoch. In der Schweiz habe die Jahresrate mit 3,4% den höchsten Wert seit fast 30 Jahren erreicht. Die Experten von Swisscanto Invest haben ihre Inflationsprognosen für das aktuelle und das nächste Jahr deshalb nochmals nach oben angepasst. Auf globaler Ebene würden sie für 2022 neu mit einer durchschnittlichen Inflation von knapp 7% und von 3,8% für 2023 rechnen.

Die Notenbanken, welche die Inflationskräfte lange Zeit unterschätzt hätten und deren Glaubwürdigkeit in der Folge gelitten habe, würden sich deshalb gezwungen sehen, die Zinsen rasch und deutlich zu erhöhen. So habe die Bank of Canada ihren Leitzins im Juli gleich um 100 Basispunkte auf 2,5% angehoben, und die US-Notenbank FED habe sich den zweiten Monat in Folge für einen Zinsschritt von 75 Basispunkten entschieden. Selbst die stark ins Hintertreffen geratene Europäische Zentralbank (EZB) habe erstmals seit elf Jahren wieder die Leitzinsen erhöht und Marktteilnehmer entgegen ihrer bisherigen Ankündigung mit einem ungewöhnlich großen Zinsschritt von 50 Basispunkten überrascht. Die Experten von Swisscanto Invest sind überzeugt, dass die Inflationsbekämpfung bei den Notenbanken auch in den kommenden Monaten die höchste Priorität haben wird. So würden die Experten erwarten, dass der Leitzins in den USA bis Jahresende auf 4% steige.

Die im Vergleich zum Vormonat tieferen Inflations- und Konjunkturerwartungen hätten an den Finanzmärkten im Juli unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Die stark gesunkenen Renditen am Kapitalmarkt und die inverse Zinskurve in den USA würden von einem wachsenden Pessimismus zeugen, während die Aktienmärkte eine unerwartet deutliche Erholung verzeichnet hätten. Letzteres passe jedoch nicht ins Bild einer nachlassenden Konjunkturdynamik bei gleichzeitig weiter steigenden Leitzinsen. Für eine nachhaltige Erholung am Aktienmarkt sei es aus Sicht der Experten deshalb noch zu früh, zumal die Gewinnerwartungen an die Unternehmen immer noch ziemlich hoch seien.

Nachdem Inflationsängste in der ersten Jahreshälfte zu Verlusten an den Anleihenmärkten geführt hätten, würden nun die Wachstumssorgen in den Vordergrund rücken. Die Nachfrage nach Staatsanleihen sei durch die Eintrübung der konjunkturellen Vorlaufindikatoren deutlich gestiegen, sodass die Verfallrenditen gefallen sind und Kursgewinne resultiert hätten. Der Markt scheine sich bereits auf eine Rezession einzustellen. Das manifestiere sich für den US-Dollar-Währungsraum in Erwartungen von Zinssenkungen im nächsten Jahr (gelte auch für die Bank of Canada, die Reserve Bank of Australia und die Bank of England). Damit zeichne der Markt ein pessimistisches Szenario für die US-Wirtschaft. Vielleicht zu pessimistisch, da der Arbeitsmarkt stabil erscheine und der Fachkräftemangel immer noch präsent sei. Die Experten von Swisscanto Invest rechnen wieder mit leicht höheren Renditen in den nächsten drei Monaten. Der Höhepunkt des Renditeniveaus liege in diesem Zyklus jedoch bereits hinter uns und die Zinskurven würden sich weiter verflachen.

Anfang dieses Jahres argumentierten die Experten von Swisscanto Invest, dass US-Aktien angesichts ihres geldpolitischen Ausblicks zu hoch bewertet und deshalb unattraktiv seien. Tatsächlich habe der US-Markt seit Jahresbeginn am schlechtesten abgeschnitten und das absolute Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) sei seither kräftig gesunken. Auch im Vergleich zum Rest der Welt sei das KGV zurückgegangen. Mittlerweile habe sich der Fokus der Experten allerdings von den Themen Inflation und Geldpolitik in Richtung Konjunkturentwicklung verschoben. Der Inflationshöhepunkt in den USA dürfte im aktuellen Quartal erreicht sein und die US-Notenbank den Leitzins auf maximal 4% anheben. Die Inflations- und geldpolitischen Erwartungen der Investoren würden bereits sinken. Das Argument, dass eine zu hohe Bewertung gegen den US-Markt spreche, verliere damit an Kraft. Gleichzeitig gewinne der Status der USA als sicherer Hafen wieder an Bedeutung, weil sich die globalen Konjunkturaussichten zunehmend eintrüben würden. Beide Sachverhalte würden dafür sprechen, sich bei der Positionierung der US-Aktien nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Im Vormonat wiesen die Experten von Swisscanto Invest darauf hin, dass die relative Stärke der Inflationszykliker Kanada und Australien bald auslaufen könnte. Angesichts der Entwicklungen im Juli scheine sich dies zu bestätigen. Erstens würden immer mehr Konjunkturindikatoren auf eine Abkühlung der globalen Wirtschaft hindeuten, was die Nachfrage nach Rohstoffen und damit ihr Preisanstiegspotenzial eher dämpfen dürfte. Zweitens hätten die Zentralbanken in Kanada und Australien mit ihren jüngsten Zinsschritten klargemacht, dass sie bis auf Weiteres die Inflationsbekämpfung als ihre Hauptaufgabe ansehen würden. Das Rezessionsrisiko in beiden Ländern sei zwar niedriger als beispielsweise in Europa, aber die höheren Zinsen würden unter anderem über eine Abkühlung im Immobiliensektor Bremsspuren bei der heimischen Konjunktur hinterlassen. Das heiße, alle drei Indexschwergewichte - Energie, Grundstoffe, Finanzdienstleister - dürften zumindest an Rückenwind verlieren. (03.08.2022/alc/a/a)