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EZB verschärft die Gangart


14.09.22 12:45
State Street Global Advisors

Boston (www.anleihencheck.de) - Die EZB hob die Zinssätze um 75 Basispunkte an und Präsidentin Lagarde gab eine klassisch hawkistische Einschätzung der Inflationsaussichten ab, so die Experten von State Street Global Advisors in ihrem aktuellen "SPDR Strategie Espresso".

Die Anleiherenditen seien gestiegen und die Kurve habe sich verflacht, da am vorderen Ende eine aktivere EZB eingepreist worden sei. Dem Euro sei es jedoch gelungen, von diesen höheren Zinserwartungen ein wenig zu profitieren.

Die EZB müsse weiterhin eine restriktive Haltung einnehmen, um die Inflationserwartungen zu senken. Außerdem lägen die Zinssätze trotz zweier überproportionaler Zinsschritte immer noch nur bei 0,75%, während die Inflation für 2022 mit 8,1% vorhergesagt werde und 2023 auf weit über dem Zielwert liegende 5,5% fallen solle.

Während das Hauptaugenmerk eindeutig auf der Inflation liege, verlangsame sich das Wachstum: Die Einkaufsmanagerindices vom Juli hätten alle unter 50 gelegen, was auf eine mögliche Schrumpfung hindeute. Dies könnte einige der eher zurückhaltenden EZB-Mitglieder vorsichtig werden lassen, wenn es darum gehe, wie hoch die Zinsen steigen müssten. Denn wenn die Gesamtnachfrage bereits nachlasse, sei es weniger notwendig, auf die Geldbremse zu treten. Darüber hinaus gehe ein Großteil des Inflationsimpulses von den Energiepreisen aus. Allerdings ergreife die EU Maßnahmen, um die Preise zu kontrollieren oder zumindest die Auswirkungen auf Verbraucher und Unternehmen abzuschwächen.

Die Ungewissheit darüber, wie hoch die Zinssätze genau steigen würden, sei nach wie vor groß. Das mache es schwierig, mit Anleiherisiken zu spielen. Der Markt rechne derzeit mit Endfälligkeitssätzen von knapp unter 2,5% bis Mitte 2023, aber angesichts der geringen Überzeugung darüber, wie hoch die Zinsen steigen könnten, sei bei Durationsengagements Vorsicht geboten. Die Experten von State Street Global Advisors hätten dieses Thema im letzten Bond Compass hervorgehoben, in dem sie Engagements in Investment-Grade-Anleihen mit kürzerer Laufzeit für Europa untersucht hätten. Dies sei unter verschiedenen Gesichtspunkten weiterhin interessant:

- Da sich die EZB in der Mitte ihres Zinserhöhungszyklus befinde, der durch die steigende Inflation angetrieben werde, sei eine Risikoreduzierung durch Strategien mit niedriger Duration weiterhin ratsam. Allerdings preise der Markt bereits ein beträchtliches Maß an Straffung am vorderen Ende der Kurve ein. Das biete einen gewissen Schutz für Anleihen mit kürzerer Laufzeit. Die EZB scheine die Straffung voranzutreiben und könnte sich zurückziehen, wenn sich die Anzeichen für eine Konjunkturabschwächung verdichten würden.

- Größere Spreads würden bereits eine wirtschaftliche Verlangsamung einpreisen. Der Spread des Bloomberg Euro Corporate 0-3 Year Index gegenüber Staatsanleihen liege wieder in dem Bereich, der zuletzt zwischen 2008 und 2012 zu beobachten gewesen sei. Es sei auch offensichtlich, dass Investment-Grade-Anleihen eine deutlichere Neubewertung erfahren hätten als Non-Investment-Grade. Die optionsbereinigten Spreads des Bloomberg Euro Aggregate: Corporates Index seien im Vergleich zum Bloomberg Liquidity Screened Euro High Yield Index auf der Grundlage einer fünfjährigen Historie weit. Die stärkere Neubewertung von Investitionskrediten dürfte zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass die EZB ihre Käufe von Investment-Grade-Papieren eingestellt habe. Dennoch seien Hochzinsanleihen nach wie vor weitaus anfälliger für eine Rezession im Euroraum als Investment-Grade-Unternehmenspapiere.

- Es gebe einige Anzeichen für eine Verschlechterung der Ratings, die jedoch noch nicht wesentlich seien. In Westeuropa habe das Verhältnis zwischen Herauf- und Herabstufungen für Emittenten mit Investment-Grade-Rating in allen drei Quartalen des Jahres 2022 bei den Ratingagenturen S&P und Fitch über eins gelegen. Bei Moody's sei es jedoch im dritten Quartal auf 0,5 gesunken, was bedeute, dass doppelt so viele Herabstufungen wie Heraufstufungen vorgenommen worden seien.

- Die Rendite des Bloomberg-Index für 0-3-jährige Euro-Unternehmensanleihen liege bei fast 2,5%. Auch wenn Anleger in einem solchen Umfeld dazu neigen würden, Bargeld zu horten, dürfte der Zinssatz für Tagesgeld auch nach der jüngsten Zinserhöhung der EZB unter 70 Basispunkten liegen.

Im Juli und August seien Anleger zu Investment-Grade-Anleihe-ETFs zurückgekehrt. Wie die Experten von State Street Global Advisors in ihrem Artikel Shifting Back to Credit, Europe Sticks with ESG angedeutet hätten, seien diese Mittelflüsse für OGAW-ETFs von ESG-Strategien dominiert worden. Regulierung und veränderte Anlegerpräferenzen seien Faktoren, die diesen Trend vorantreiben würden, aber ein Fokus auf ESG könne auch dazu beitragen, die Volatilität zu verringern.

In Bezug auf den Bloomberg SASB Euro Corporate 0-3 Year ESG Ex-Controversies Select Index über ein, zwei und drei Jahre und wie seine Renditen und Volatilität im Vergleich zum marktgewichteten Bloomberg EUR Corporate 0-3 Year Total Return Index ausfallen würden, habe der Bloomberg SASB ESG-Index in allen drei Zeiträumen eine geringere Volatilität aufgewiesen als der marktgewichtete Index. Auch die Renditen seien im Bloomberg SASB ESG-Index höher gewesen, wenn auch nur geringfügig über den Dreijahreszeitraum. (14.09.2022/alc/a/a)