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EZB und FED vor spannenden Entscheidungen


09.06.22 09:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen kommen wieder ins Laufen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährigen T-Notes hätten in der vergangenen Woche mehrmals die 3%-Marke überschritten und die entsprechenden Bunds hätten die 1,37% erreicht, was knapp 20 BP höher sei als vor einer Woche. Dies geschehe in einem Umfeld, wo sowohl die Weltbank als auch die OECD in ihren jüngsten Veröffentlichungen (Weltbank: Global Economic Prospects/ OECD: Economic Outlook) die Prognosen für das weltwirtschaftliche Wachstum auf 2,9% bzw. 3,0% zurückgenommen hätten, mit dem Verweis auf die Invasion Russlands in die Ukraine. Der Renditeanstieg geschehe aber auch vor dem Hintergrund der anstehenden Notenbankensitzungen. Heute werde die EZB tagen (09.06.) und nächste Woche am 13.06. die FED. Beide würden versprechen, spannende Sitzungen zu werden, sodass die anschließenden Pressekonferenzen auf das genaueste seziert werden dürften.

Bei der EZB gehe es zunächst um die Frage, ob das bereits relativ klare Signal einer ersten Zinserhöhung im Juli noch klarer werde. Die Analysten würden einen Zinsschritt um 25 BP erwarten, dem dann noch drei weitere in dieser Größenordnung bis Dezember 2022 folgen sollten. Für das kommende Jahr sei dann eine langsamere Gangart möglich, mit einem Zinsschritt pro Quartal. Allerdings habe es im Vorfeld aus Österreich, den Niederlanden und auch der Slowakei Äußerungen gegeben, wonach man doch mit 50 BP starten sollte, den "graduellen" Ansatz von Christine Lagarde lehne man in diesen Ländern ab.

Da in Frankreich und Italien und einer Mehrheit von Euroländern eher der graduelle Weg befürwortet werde, dürfte man mit 25 BP starten. Ein möglicher Kompromissweg wäre, den Hauptrefinanzierungssatz um 25 Basispunkte und den Einlagenzinssatz um 50 BP anzuheben. Allerdings würde sich dann der Abstand zwischen den beiden Zinssätzen erneut reduzieren, während die Differenz üblicherweise eher größer sei. Die Analysten würden daher erwarten, dass beide Zinssätze im Tandem angehoben würden.

Es werde aber ein weiteres Thema wichtig sein, und zwar die Frage, ob die EZB ein neues Anleiheankaufprogramm aufsetzen werde, um gegebenenfalls die Ausweitung der Risikoprämien auf italienische Anleihen oder die Anleihen anderer Länder nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. Eigentlich habe die EZB dafür bereits ein Instrument. Es sei die Flexibilität des PEPP-Programms, in dessen Rahmen zwar keine Nettokäufe, aber weiterhin Käufe stattfinden würden, um den Bestand an Anleihen konstant zu halten. Hier sei die EZB nach Aussagen von Lagarde flexibel bezüglich Jurisdiktion, Sektor und Zeit.

Mit anderen Worten: Wenn deutsche Anleihen auslaufen würden, könnten die entsprechenden Beträge in italienische Staatsanleihen investiert werden, um bei diesem naheliegenden Beispiel zu bleiben. Die Befürchtung scheine aber zu sein, dass diese graduelle Verschiebung im Portfolio nicht ausreiche, wenn es zu erhöhtem Stress an den Märkten komme. Tatsächlich wäre die Interventionskapazität der EZB zunächst begrenzt. Spekuliert werde daher, dass sich die EZB die Möglichkeit eröffne, in Antizipation von Fälligkeiten bereits in Anleihen zu investieren. Würde man beispielsweise die Fälligkeiten von schätzungsweise 200 Mrd. Euro, die in den nächsten zwölf Monaten in etwa fällig würden, zum Zwecke der Marktberuhigung einsetzen, hätte dies sicherlich einen positiven Effekt.

Allerdings wäre jede Regelung mit dem Manko behaftet, dass die EZB nur endliche Munition hätte. Was passiere, wenn die 200 Mrd. Euro aufgebraucht seien? Könne man dann die Fälligkeiten des dann folgenden Jahres auch noch einsetzen? Einige Marktbeobachter würden auf das grundsätzlich verfügbare OMT-Programm (Outright Monetary Transactions) verweisen, das vor knapp zehn Jahren vom damaligen Notenbankchef Mario Draghi eingeführt worden sei. Dies sei im Rahmen des Whatever-it-takes-Versprechens geschehen. Das Programm sei nie genutzt worden und habe aus der Sicht möglicher betroffener Länder einen Nachteil: Das jeweilige Land müsste einen Hilfsantrag stellen und in diesem Rahmen bestimmte wirtschaftspolitische Bedingungen erfüllen. Das scheine heutzutage politisch kaum durchsetzbar zu sein.

Langer Rede kurzer Sinn: Die Analysten würden einen offiziellen Hinweis darauf (bisher habe es nur Gerüchte gegeben) erwarten, dass die EZB ein Instrument entwickle, das gegebenenfalls marktberuhigend eingesetzt werden könne. Details dazu werde es heute vermutlich nicht geben.

In Bezug auf die FED habe Jerome Powell relativ dezidiert angekündigt, dass im Juni und Juli der Leitzins jeweils um 50 Basispunkte angehoben werde. Die Marktteilnehmer würden vor allem horchen, ob die FED bestimmte Präferenzen bezüglich der weiteren Gangart habe. Stimmen, wonach man im September bereits eine Zinspause einlegen könnte, seien wieder in den Hintergrund getreten, nachdem Direktorin Lael Brainard diesem Ansinnen entgegengetreten sei und sogar weitere 50 BP-Schritte in die Diskussion eingebracht habe. Der Abbau des Portfolios habe bereits im Juni angefangen und werde in den nächsten beiden Monaten auf 95 Mrd. Euro pro Monat gesteigert.

Die Analysten würden erwarten, dass die FED den Leitzins bis zum Ende des Jahres auf 2,75% anheben werde und dann weitere drei Zinsschritte à 25 BP in 2023 auf dann 3,5% folgen würden. Die Konjunkturverlangsamung werde spürbar sein, aber eine Rezession sollte vermieden werden. Mit anderen Worten: Das Soft landing, das die FED anstrebe, könnte klappen.

Ansonsten liege datenseitig die Inflation in den USA an (10.06. für Mai), gefolgt von den detaillierten Inflationsdaten aus der Eurozone am 17.06., ebenfalls für Mai. Am 15.06. erscheine eine ganze Reihe von China-Daten (Einzelhandelsumsätze, Industrieproduktion und Investitionen im Bausektor), die relativ klaren Aufschluss darüber geben sollten, ob die erwartete Schrumpfung des BIP im zweiten Quartal besonders ausgeprägt ausfalle. Weiter sei auf die erste Runde der Wahl zur Nationalversammlung in Frankreich zu achten (12.06., am 19.06. finde die zweite Runde statt). Beachtenswert sei auch die dritte Tarifrunde in der Stahlindustrie (Beginn: 10.06.) (09.06.2022/alc/a/a)