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EZB sollte jetzt Zinsen um 75 Basispunkte anheben


07.09.22 10:45
Vontobel Asset Management

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Jetzt ist eine gute und vielleicht die einzige Gelegenheit für die Europäische Zentralbank (EZB), die Zinsen um noch nie dagewesene 75 Basispunkte zu erhöhen, so Claudia Fontanive-Wyss, Portfoliomanagerin, und Mondher Bettaieb-Loriot, Leiter Unternehmensanleihen, von Vontobel.

Die Inflationsdaten in der Eurozone seien himmelhoch, und der geschätzte Verbraucherpreisindex (VPI) für August habe im Jahresvergleich 9,1% erreicht (der VPI-Kernwert habe mit 4,3% ebenfalls weit über dem Zielwert von 2% gelegen). Der kurzfristige Trend für den VPI bleibe aufwärts gerichtet, und da die Geldpolitik Zeit brauche, um wirksam zu werden, wäre es nach Ansicht der Experten ein Fehler, jetzt nicht mutig zu handeln.

Die EZB müsse sicherstellen, dass sich die Inflationserwartungen nicht zu sehr verankern würden, und je länger die Bank warte, desto schwieriger werde es, sie in Zukunft zu senken. Dies gelte umso mehr, als die EZB im Vergleich zu anderen großen Zentralbanken die Zinsen recht spät anhebe. Die EZB habe im Juni eine Zinserhöhung verpasst und dann im Juli mit einer vollen Anhebung um 50 Basispunkte entgegen ihrer vorherigen Prognose überrascht. Drei Sitzungen im Jahr 2022 stünden noch auf der Tagesordnung - eine am kommenden Donnerstag, gefolgt von einer weiteren Ende Oktober und Mitte Dezember.

Die jüngsten Wirtschaftsdaten seien relativ solide gewesen: Der aggregierte Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor der Eurozone liege immer noch über 50 und der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe mit 49,8 nur knapp unter dem Schwellenwert. Die Arbeitslosenquote in der Eurozone sei mit 6,6% moderat und liege damit unter dem Niveau von Corona und unter dem Niveau der globalen Finanzkrise. Es sei daran erinnert, dass die EZB ihre bisherigen Prognosen aufgegeben habe und die Zinserhöhungen von Sitzung zu Sitzung erfolgen würden. Die Daten seien also weitgehend datengesteuert, und die aktuellen Daten seien stärker als die, die die Experten für die kommenden Quartale prognostiziert hätten.

Auf der letzten EZB-Sitzung habe Christine Lagarde das Transmissionsschutzinstrument (TPI) vorgestellt, das den Transmissionsmechanismus der Geldpolitik sicherstellen und eine Fragmentierung verhindern solle. Die Experten würden glauben, dass dieses Instrument, auch wenn es recht vage sei, vor allem die Peripherie davor schützen würde, dass die Spreads unhaltbare Niveaus erreichen würden. Abschwächende Faktoren sollten vielmehr von der fiskalischen EU- und/oder nationalen Ebene ausgehen. Die Dringlichkeitssitzung der EU-Energieminister an diesem Freitag könnte möglicherweise dazu beitragen, die Strompreise zu senken, da sie eine Entkopplung der Strompreise von den Gaspreisen planen und Preisobergrenzen in Betracht ziehen würden.

Auf nationaler Ebene habe es in Deutschland eine gewisse steuerliche Entlastung in Form eines dritten Entlastungspakets in Höhe von 65 Mrd. EUR gegeben, das Haushalten und Unternehmen helfe, mit dem Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise fertig zu werden.

Der Markt rechne fest mit einer Anhebung um 75 Basispunkte für die morgige Sitzung, was durch die aggressiven Äußerungen verschiedener EZB-Mitglieder in den letzten Tagen noch verstärkt worden sei. Lediglich Philip Lane schien einige Vorbehalte zu haben und habe sich für ein gemäßigteres Vorgehen ausgesprochen. Die Experten würden eine Anhebung um 75 Basispunkte begrüßen, da sie der Meinung seien, dass die Daten dafür sprechen würden, lieber jetzt als später zu handeln, während sie auch eine Anhebung um 50 Basispunkte nicht völlig ausschließen würden.

Die Experten seien der Meinung, dass ein großer Teil der Abwärtsrisiken aufgrund höherer Preise, langsamerer Wachstumserwartungen und restriktiver Zentralbanken nun in europäischen Krediten eingepreist sei, und die Renditen von Unternehmensanleihen würden attraktiv aussehen. Im weiteren Verlauf des Jahres könnte es zu einer leichten Schwäche kommen, wenn die Gewinnrevisionen nach unten korrigiert würden, aber im Moment würden die Experten glauben, dass das Potenzial für eine Stabilisierung der Kreditspreads vorhanden sei - idealerweise unterstützt durch eine nachhaltige, zukunftsorientierte EZB-Entscheidung. Vor diesem Hintergrund würden Bankanleihen, insbesondere vorrangige Strukturen, attraktiv erscheinen. (07.09.2022/alc/a/a)