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EZB hat keine andere Wahl, als die mittelfristige Preisstabilität zu sichern


08.06.22 10:06
La Française AM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Die EZB hält am 9. Juni ihre vierteljährliche Pressekonferenz ab, so François Rimeu, Senior Strategist, La Française AM.

EZB-Präsidentin Lagarde habe einen Konsens für eine schrittweise Normalisierung der Politik erreicht. Der Ausschuss werde seine makroökonomischen Prognosen angesichts eines erheblichen Inflationsdrucks und einer Verschlechterung der Wachstumsaussichten aktualisieren.

Wie bereits von Christine Lagarde angekündigt, werde die EZB aufgrund des zunehmenden Inflationsdrucks auf ihrer EZB-Ratssitzung im Juni voraussichtlich das Ende des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten (APP) und auf ihrer Juli-Sitzung eine erste Anhebung des Zinssatzes für die Einlagefazilität (-0,50%) ankündigen. Die drei Bedingungen für eine Zinserhöhung seien erfüllt. Es werde auch erwartet, dass Lagarde den Ausstieg aus den Negativzinsen bis September signalisiere.

Die Präsidentin Lagarde dürfte betonen, dass das Tempo der geldpolitischen Straffung datenabhängig sein werde (d. h. Inlandsnachfrage, zugrunde liegende Inflation und finanzielle Bedingungen). Die Experten seien der Ansicht, dass der EZB-Rat weder Schritte von 50 Basispunkten ausschließen werde, um schnell voranzukommen, noch den Einlagensatz deutlich über den neutralen Wert (1% bis 2%) anheben werde, da die höhere Inflation die Inflationserwartungen zu entkoppeln drohe.

Was die quantitative Straffung betreffe, werde die Präsidentin Lagarde höchstwahrscheinlich bekräftigen, dass es dafür noch zu früh sei. Zinserhöhungen seien in diesem Stadium das wichtigste geldpolitische Instrument. Die Experten würden jedoch glauben, dass die Reduzierung der Bilanzsumme künftig Thema sein werde, insbesondere nach den angekündigten Rückzahlungen der TLTRO (gezielte längerfristige Refinanzierungsgeschäfte) Mitte Juni.

Schließlich dürfte die Präsidentin Lagarde bekräftigen, dass die Zentralbank rasch neue Instrumente einsetzen könnte, um eine Marktfragmentierung zu verhindern, die durch eine Straffung der Geldpolitik ausgelöst werden könnte. Allerdings würden die aktuellen Spreads noch keine Ankündigung rechtfertigen. Die Experten würden nicht glauben, dass der EZB-Rat ein neues Anleihekaufprogramm auflegen werde, ohne die Käufe durch eine entsprechende Geldmengenentnahme zu kompensieren. Die EZB-Präsidentin Lagarde werde die Bedeutung von Flexibilität bei der Normalisierung unterstreichen.

Auf wirtschaftlicher Ebene würden die Experten erwarten, dass die Inflationsprognosen der EZB 2022 deutlich (von 5,1% auf 6,9%) und 2023 moderat (von 2,1% auf 2,3%) nach oben korrigiert würden. Die Inflation würde dann am Ende des Prognosezeitraums in Richtung des 2%-Ziels zurückgehen, allerdings mit erheblicher Unsicherheit. Was das Wachstum betreffe, so dürften die Prognosen für die Jahre 2022 (von 3,7% auf 2,8%) und 2023 (von 2,8% auf 2,5%) niedrigere Werte ausweisen. Eine technische Rezession in den kommenden Quartalen sollte nicht ausgeschlossen werden. Für 2024 werde die Aufwärtskorrektur marginal sein, von 1,6% auf 1,7%.

Zusammenfassend sei es für die EZB entscheidend, ihre Glaubwürdigkeit zu wahren, indem sie ihr Inflationsziel vor einer hohen Inflation schütze. Obwohl die Ankündigungen des EZB-Rats im Juni angesichts der proaktiven Kommunikation der EZB nicht überraschen würden, würden die Experten hawkishe Risiken sehen (d. h. mögliche Zinserhöhungen um 50 Basispunkte bei den kommenden Sitzungen, Anhebung der Zinssätze in den Grenzbereich, die frühzeitige Diskussion über eine quantitative Straffung). Daher würden sie eine gewisse Abflachung der Euro-Swapkurve erwarten. (08.06.2022/alc/a/a)