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EZB: Der größte Schritt seit der Gründung


09.09.22 09:30
Janus Henderson Investors

London (www.anleihencheck.de) - Die EZB hat gestern die Zinssätze um 75 Basispunkte angehoben und damit die Zinsen deutlich über Null gebracht - der größte Schritt seit ihrer Gründung, so Andrew Mulliner, Head of Global Aggregate Strategies bei Janus Henderson Investors.

Die EZB habe dies als "Frontloading" bezeichnet. Zweifellos sei es eine erhebliche Veränderung gegenüber den Erwartungen unmittelbar nach der Juli-Sitzung, als sie sich dafür entschieden habe, die Zinserhöhungen mit einer Anhebung um 50 Basispunkte "vorzuziehen" - angeblich, um bei künftigen Sitzungen moderater vorgehen zu können.

In Wirklichkeit sei die EZB von einer Phase der Unsicherheit darüber, wie sie reagieren sollte, zu einer Phase übergegangen, in der zunehmend Gewissheit bestehe, dass sie energisch reagieren müsse, um zu verhindern, dass sich die hohe kurzfristige Inflation in den längerfristigen Inflationserwartungen niederschlage (die gefürchteten Zweitrundeneffekte). Während der Markt angesichts der hawkishen Äußerungen im Anschluss an Jackson Hole in gewisser Weise mit 75 Basispunkten gerechnet habe, hätten die jüngsten Prognosen gezeigt, wo die EZB stehe: Die Wachstumsprognose für 2023 sei erheblich gesenkt und die Inflationsprognose stark erhöht worden. Die Tatsache, dass die Inflationsprognose für 2024 von 2,1% auf 2,3% angehoben worden sei, zeige, dass die EZB trotz ihrer Einschätzung, dass die Eurozone am Rande einer Rezession stehen werde, noch mehr tun müsse.

Der Übergang zu positiven Zinssätzen bedeute für die EZB jedoch mehr als nur eine Zinsänderung, nämlich eine Veränderung der operativen Umsetzung der Geldpolitik. Die meiste Zeit der letzten zehn Jahre habe sie sich darum gekümmert, die Zinssätze genug niedrig zu halten. Jetzt werde die Herausforderung darin bestehen, die Zinssätze auf einem Niveau zu halten, das angesichts des anhaltenden Liquiditätsüberschusses mit dem von der EZB angestrebten geldpolitischen Niveau vereinbar sei. Zu diesem Zweck habe die EZB ihr Tiering-Verfahren (das die Banken vor den negativen Auswirkungen negativer Zinssätze schützen sollte und nun überflüssig sei) aufgegeben und die Verzinsung von Staatseinlagen (die zuvor mit Null verzinst wurde) geändert. Auf diese Weise werde sichergestellt, dass die kurzfristigen Zinssätze unter Kontrolle bleiben würden. Es sei ein Zeichen dafür, wie schnell die EZB ihren Kurs habe ändern müssen, dass so vieles davon bis zum Tag der Zinserhöhung unklar gewesen sei. Die EZB handle schnell und sie sei noch nicht fertig. (Ausgabe vom 08.09.2022) (09.09.2022/alc/a/a)