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EZB erhöht den Einsatz - gut für Sparer, schlecht für Schuldner


09.09.22 14:00
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nach 50 Basispunkten im Juli hat der EZB-Rat nun sogar einen 75er Schritt gewagt, so die Analysten der Helaba.

Die EZB wirke entschlossen, die Inflation zu drücken und steuert ein höheres Leitzinsniveau an. Nun sei es fast amtlich: Die Falken hätten die Meinungshoheit im EZB-Rat übernommen. Sie hätten sich mit ihrer Forderung nach einer deutlichen Zinsanhebung sogar leichter durchsetzen können als gedacht. Letztlich habe es keine Gegenstimmen gegeben. Die Tauben im Rat schienen von den jüngsten rekordhohen Inflationsraten spürbar eingeschüchtert zu sein. Auch ihr neues Motto heiße jetzt: die Zinsen so schnell wie möglich rauf, zügig weg von den aktuell als zu expansiv eingestuften Leitzinsniveaus. Ziel sei es, über eine Dämpfung der Nachfrage steigenden Inflationserwartungen vorzubeugen.

Die Angebotsseite sei, sehe man von der Euro-Schwäche ab, eher über die fiskalische Seite zu beeinflussen (Stichwort Preisdeckel). Die EZB könne vor allem die Nachfrage beeinflussen. Allerdings befinde sich diese bereits markant unter Druck. Die Menschen seien durch die hohe Inflation ohnehin nicht in Kauflaune, sondern würden für die kommenden Energierechnungen sparen.

Investitionen beispielsweise im Immobilienbereich würden gleichzeitig drohen, unkalkulierbar zu werden. Aber wie habe Christine Lagarde bei der Pressekonferenz gesagt: "We will do our job". Und der sei eben in dieser Situation die Inflationsbekämpfung und nicht eine falsch verstandene Rücksichtnahme auf die schwächelnde Konjunktur. Untermauert werde der Ernst der Lage durch die deutlich nach oben angepassten EZB-Projektionen. Die durchschnittliche Inflationsrate im Euroraum solle im kommenden Jahr von 8,1% in 2022 lediglich auf 5,5% sinken und 2024 mit 2,3% noch über EZB-Ziel liegen. Das Wirtschaftswachstum erwarte die EZB im kommenden Jahr zwar schwächer, sehe aber immerhin noch ein Plus von 0,9%.

Der deutlich höher als erwartet ausgefallene Zinsschritt in Verbindung mit der entschlossenen Ansage der EZB-Chefin würden Anpassungen der Zinsprognosen der Helaba notwendig. Der EZB-Rat habe in seinem Beschluss weitere Anhebungen avisiert. Entscheidungsgrundlage solle dabei die jeweilige Datenlage sein. Da die Teuerung im Euroraum zunächst weiter steigen werde, bleibe die Ausgangslage unverändert kritisch. Der Rekordzinsschritt um 75 Basispunkte solle laut Lagarde aber eher die Ausnahme als die Regel sein, so dass als nächstes mit einem Zinsschritt von 50 Basispunkten zu rechnen sei. Danach werde vermutlich krisenbedingt auf kleinere Schritte umgestellt. Die Analysten der Helaba würden nunmehr von einem Einlagensatz von 1,5% zu Jahresende ausgehen. Im frühen Jahresverlauf würden sie dann einen Wert von 2% (Hauptrefinanzierungssatz: 2,5%) erreicht sehen, der dann für längere Zeit als Gravitationsbereich für den Zins dienen könnte. Das entsprechende Beispiel sei noch in Erinnerung: Im Zeitraum von 2016 bis Mitte 2022 habe die EZB zur Deflationsabwehr den Hauptrefinanzierungssatz jahrelang auf 0,0% gehalten.

Ihre Prognosen für die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen würden die Analysten der Helaba für das Jahresende auf 1,7% erhöhen und auf Jahressicht ein Niveau von 2,0% (vormals 1,75%) erwarten. Die Renditeprognosen 10-jähriger US-Treasuries würden sie aufgrund höher Zinserwartungen in den USA wieder auf über 3% ziehen. (09.09.2022/alc/a/a)