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EZB "dovish", FED "hawkish"


03.11.22 11:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die langfristigen Renditen der Staatsanleihen der USA und Deutschland haben sich in den vergangenen Tagen im Vorfeld der FED-Sitzung unter dem Strich wenig verändert, um dann in der Folge der FED-Sitzung (02.11.) wieder deutlich zu steigen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die EZB-Sitzung der vergangenen Woche (27.10.), bei der ein relativ "dovisher" Ton angeschlagen worden sei, habe einen tendenziell dämpfenden Effekt auf die Renditen gehabt, da einige Anleger offensichtlich erwarten würden, dass die EZB ihr Erhöhungstempo verlangsamen könnte. Ob es tatsächlich so komme, sei jedoch ungewiss. Denn die Inflationsrate sei in der Eurozone im Oktober erneut gestiegen und liege nunmehr bei 10,7% (vorher: 9,9%).

Auch die Kernrate (ohne Energie und Lebensmittel) sei gestiegen, und zwar auf 5,0% von zuvor 4,8%. Die deutsche Gas- und Strompreisbremse werde voraussichtlich im Februar bzw. im Januar wirksam, sodass der davon ausgehende dämpfende Effekt auch erst dann sichtbar sein werde. Damit werde die EZB im Dezember vermutlich mit einer erneut gestiegenen Inflation konfrontiert sein. Eine Verlangsamung des Zinserhöhungstempos könnte dann das falsche Signal sein bzw. bedürfe einer sehr guten Kommunikation.

Bei der US-Notenbank sei die Situation durchaus ähnlich. Anders als die EZB seien die Signale der FED bei der gestrigen (02.11.) Pressekonferenz aber eindeutig "hawkish" gewesen. Die Entscheidung, den Leitzins um 75 BP auf 3,75 bis 4,00% zu erhöhen, sei mit einer klaren Botschaft begleitet worden: Man werde vielleicht das Tempo im Dezember drosseln, aber der Weg bis zu dem Zins, der eine Rückkehr zur Zielinflation von 2% sicherstelle, sei noch sehr lang, so Powell.

Ein Blick in den Rückspiegel offenbare, dass die Eurozone im dritten Quartal noch relativ robust gewachsen sei. Das BIP der Eurozone sei gemäß der ersten Schätzung von Eurostat um 0,2% QoQ gestiegen. Deutschlands Steigerung der Wirtschaftsleistung liege dabei mit 0,3% QoQ über dem Durchschnitt, Italien belege unter den Euro-4 Ländern in ungewohnter Weise die Spitze, während Frankreich und Spanien in dem gleichen Maße wie die Eurozone insgesamt gewachsen seien. Gleichzeitig würden die PMI-Indikatoren signalisieren, dass die Eurozone im laufenden Quartal in die Rezession eingetreten sein dürfte. Die Rezession dürfte aber eher milde ausfallen, unter anderem da der hohe Bestand in den Orderbüchern dafür sorgen sollte, dass die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes ausgelastet bleiben würden.

Heute (03.11.) breche Bundeskanzler Scholz nach China auf, zusammen mit einer Wirtschaftsdelegation, womit Scholz Kritik auf sich gezogen habe. Am Dienstag (08.11.) würden in den USA die Zwischenwahlen stattfinden. Außerdem würden in 36 Bundesstaaten neue Gouverneure gewählt. Laut Umfragen gebe es wenig Zweifel daran, dass das Abgeordnetenhaus den Republikanern zufallen werde. Auch im Senat könnten die Demokraten ihre hauchdünne Mehrheit verlieren. Beachten sollte man auch die Gouverneurswahlen, bei denen sich teilweise sehr radikale Kandidaten auf der republikanischen Seite zur Wahl stellen würden.

Nächste Woche (08.11.) würden in Deutschland die IG Metall und die entsprechenden Arbeitgebervertreter in eine neue Verhandlungsrunde treten. Die IG Metall fordere einen dauerhaften Lohnzuwachs von 8%, nachdem in der laufenden Woche mit Warnstreiks die Forderung unterstrichen worden sei. Der Lohnabschluss betreffe 3,8 Millionen Beschäftigte und habe daher großes Gewicht, auch hinsichtlich der Frage, ob es zu einer Lohn-Preis-Spirale kommen könnte.

Datenseitig sei morgen (04.11.) auf die US-Arbeitsmarktdaten zu achten, da sie von der Federal Reserve genau beobachtet würden und die Entscheidung beeinflussen würden, in welchem Tempo man mit den Zinserhöhungen weiter mache. In Deutschland sollte man auf die Auftragseingänge achten (03.11.) und auf die PMI-Indices für den Dienstleistungssektor (für Oktober, teilweise schon als erste Schätzung bekannt). Nächste Woche seien die Inflationszahlen aus den USA das Highlight (CPI Oktober, 15.11.). Einen Blick sollte man aber auch auf die Industrieproduktion in den Euro-4 Ländern werfen (September, Frankreich und Spanien am 04.11./ Deutschland am 07.11./ Italien am 10.11.), die immer noch relativ stabil ausfallen sollte. (03.11.2022/alc/a/a)