EZB behauptet, Inflation kam "aus dem Nichts"


01.11.22 12:51
SOLIT Gruppe

Wiesbaden (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank hatte am Donnerstag ihren Leitzins um weitere 75 Basispunkte auf 2% angehoben, so Markus Blaschzok, Chefanalyst der SOLIT Gruppe.

Obwohl die Inflationsrate im Euroraum bereits bei 9,9% liege, würden die Notenbanker ihren Leitzins unnatürlich niedrig halten, mit dem Ziel die Überschuldung der europäischen Staaten und Unternehmen auf Kosten der Sparer abzubauen. In einem freien Markt lägen Zinsen etwa 4 Prozentpunkte oberhalb der Inflation. Dies würde jedoch den Bankrott für die hochverschuldeten Staaten Europas bedeuten, weshalb die EZB diesen Schritt scheue und stattdessen südeuropäische Staatsanleihen aufkaufe, um die Zinsen im Euroraum in Zaum zu halten.

In Deutschland, wo jährliche Inflationsrate im Oktober bereits bei 10,4% gelegen habe, betrage der Realzins nun -8,4%. Die Schuld daran liege bei Politik und Zentralbanken, die allerdings nach anderen Sündenböcken suchen würden. So habe Christine Lagarde, Chefin der EZB, vergangene Woche in einem Interview gesagt:

"Wir bekämpfen die Inflation. Die Inflation kam so ziemlich aus dem Nichts über uns. Wir hatten erst die Deflation bekämpft … und als Folge einer sehr schnellen Wirtschaftserholung plus einer Energiekrise, verursacht von Herrn Putin (entstand die Inflation)."

Entweder sei Frau Lagarde völlig inkompetent oder sie belüge bewusst die Menschen, denn die Wahrheit sei diametral gegensätzlich zu ihren Behauptungen. Die stark steigenden Konsumentenpreise seien hausgemacht und seien nicht durch exogene Faktoren verursacht worden wie den Krieg in der Ukraine.

Die europäischen Staaten hätten Jahrzehnte lang über ihre eigenen Verhältnisse gelebt und Schulden aufgetürmt, die die EZB über die Druckerpresse finanziert habe. Bereits 2008 habe diese rücksichtslose Fiskal- und Geldpolitik vor ihrem Ende gestanden, als diese Praxis zu der Kredit- und Währungskrise geführt und beinahe einen Zusammenbruch der EU nach sich gezogen habe. Anstatt aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und zu einer nachhaltigen Austeritätspolitik zurückzukehren, habe man sich entschieden, einen drauf zu setzen und die Inflation durch QE-Programme noch auszuweiten, womit man die Notenbankbilanz bzw. die Geldmenge seit 2008 verzehnfacht habe.

Man müsse kein Raketenwissenschaftler sein, um nach einem Jahrzehnt rücksichtslosen Druckens von Geld aus dem Nichts durch die EZB hohe Inflationsraten in der Zukunft richtig vorherzusagen. Mit der Inflation verhalte es sich, wie mit dem berühmten Beispiel des Ketchups in der Flasche, auf die man viele Male klopfe, um dann letztlich in einem Schwall das Ketchup über den gesamten Teller zu verteilen.

Ähnlich türme sich die Geldmenge über Jahrzehnte an, wobei erst keine negativen Auswirkungen und Vermögensverluste in Erscheinung treten würden, während Vermögenspreisblasen entstünden und die Politik glaube, man könnte einfach immer weiter Schulden anhäufen und Geld aus dem Nichts drucken. Doch letztlich schwappe die geschaffene Inflation in die Realwirtschaft, was plötzlich zu stark steigenden Konsumentenpreisen führe und die Fiat-Währungen drastisch abwerte und dabei Sparvermögen vernichte. Es gebe kein "free lunch" und was Regierungen über Inflation ausgegeben, müssten Steuerzahler über die Inflationssteuer am Ende des Tages zahlen.

Würden die Aussagen von EZB-Chefin Lagarde oder Kanzler Scholz der Wahrheit entsprechen und allein der Krieg und die gestiegenen Energiepreise die Ursache der Preissteigerungen sein, so müssten die Preise anderer Güter sinken und hohe Preissteigerungsraten wäre mittel- bis langfristig unmöglich. Ohne vorherige Ausweitung der Geldmenge könne es zu keinem Anstieg des allgemeinen Preisniveaus kommen und der Krieg in der Ukraine, sowie die gestiegenen Energiepreise hätten mit dem Niedergang des Euros nichts zu tun. Inflation sei und bleibe ein monetäres Phänomen, dessen Schuld bei der eigenen Regierung zu finden sei.

Im Vorfeld des EZB-Zinsentscheids habe der Euro deutlich zugelegt und über die Parität zum US-Dollar ansteigen können. Im gleichen Atemzug sei der USD-Index auf fast 109 Punkte gefallen, womit der US-Dollar seinen Aufwärtstrend und der Euro seinen Abwärtstrend erreicht hätten. Der EZB-Zinsentscheid habe jedoch die Märkte enttäuscht, da die EZB den Satz gestrichen habe, wonach man bei mehreren kommenden Notenbanksitzungen den Leitzins anheben wolle. Stattdessen wolle man von Sitzung zu Sitzung entscheiden ob und wie stark man noch den Leitzins anheben werde. Darin habe der Markt ein weiteres frühes Einknicken der EZB und deren Unfähigkeit gesehen, die Zinsen entsprechend der Inflation steigen zu lassen, ohne die Europäische Union dabei zu gefährden.

Auf der anschließenden Pressekonferenz habe Lagarde darauf hingewiesen, dass sich die Wirtschaftstätigkeit im dritten Quartal deutlich verlangsamt haben dürfte und auch für den Rest des Jahres eine deutliche Verlangsamung zu erwarten sei.

Der Euro sei daraufhin wieder unter die Parität und zurück in seinen Abwärtstrend gefallen, womit die Bären jetzt mit neuen Shortposition auf einen erneuten Test des Tiefs bei 0,95 US-Dollar wetten dürften. Der US-Dollar-Index, der zuvor seinen Aufwärtstrend bei 109 getestet habe, habe am Freitag nach dem EZB-Zinsentscheid wieder zugelegt, was Gold und Silber wieder unter Druck gebracht habe.

Insgesamt hätten Gold und Silber in der letzten Handelswoche enttäuscht, da diese trotz des starken Einbruchs des US-Dollars nicht deutlich hätten zulegen können. Sollte der USD-Index nun wieder zur Stärke neigen und Richtung des Hochs bei 104 Punkten laufen, dann drohe sich die Streckfolter am Edelmetallmarkt fortzusetzen, die Tiefs erneut getestet würden oder sich zumindest die trendlose Phase noch etwas fortzusetzen, bis ein Pivot in der US-Geldpolitik offen und unmissverständlich kommuniziert werde. Dann sollten Gold und Silber schnell wieder deutlich ansteigen und der Goldpreis im nächsten Jahr sein Allzeithoch erneut anlaufen. (01.11.2022/alc/a/a)