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EZB aktiviert erste Verteidigungslinie gegen drohende Fragmentierung


15.06.22 16:39
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Gerade einmal eine knappe Woche ist es her, dass die EZB eine historische geldpolitische Wende verkündete - schon muss sie sich den befürchteten adversen Effekten ihrer geldpolitischen Neuausrichtung stellen, so die Analysten der Nord LB.

Ganz im Sinne des - bislang gültigen - Prinzips "Sequencing" würden zur Jahresmitte zunächst die APP-Nettoanleihekäufe enden, bevor die EZB im Juli und September mit ersten Erhöhungen der Leitzinsen auch die Zinswende einleite. Dies solle zudem erst den Beginn einer Reise darstellen, zumindest nach Aussage von EZB-Präsidentin Christine Lagarde.

Seither hätten die Kapitalmarktzinsen in der Eurozone noch einmal erheblich angezogen. 10-jährige Bundesanleihen hätten gestern in der Spitze schon bei fast 1,80% rentiert, noch stärker allerdings sei der Renditeanstieg in den südeuropäischen Staaten ausgefallen, in Italien z.B. sei es bis auf knapp 4,2% aufwärtsgegangen (10J). Es habe zuletzt schon wieder ein wenig nach Staatsschuldenkrise gerochen. Vor allem diese erhebliche Spreadausweitung habe heute die EZB zu einer Sondersitzung bewogen, um über mögliche Gegenmaßnahmen zu beraten. Bereits gestern habe EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel auf die Bereitschaft des Rates hingewiesen, schnell und entschlossen gegenzusteuern.

Der EZB-Rat habe heute beschlossen, die PEPP-Reinvestments strategisch einzusetzen, um einer drohenden Fragmentierung des EUR-Kapitalmarktes entgegenzuwirken und die Transmission der einheitlichen Geldpolitik im gemeinsamen Währungsraum sicherzustellen. Damit aktiviere der Rat gewissermaßen die erste Verteidigungslinie, gestehe sich aber auch ein, dass die verbalen Interventionen der vergangenen Wochen mit unkonkreten Hinweisen auf ein neues "Anti-Fragmentierungs-Tool" offensichtlich nicht ausgereicht hätten. Die Arbeiten an diesem neuen "Anti-Fragmentierungs-Instrument" sollten nun zügig abgeschlossen werden. Konkreter sei der Rat bezüglich der Ausgestaltung allerdings auch heute nicht geworden.

Letztlich befinde sich die EZB in einem Dilemma. Eine effektive Begrenzung der Spreadausweitung bei gleichzeitig gewünschter Straffung der allgemeinen Geldpolitik sei zumindest mit den gegebenen Mitteln und Prinzipien (Sequencing) wenig überzeugend - dies erkläre auch die heftigen Marktbewegungen der vergangenen Tage.

Mit flexiblen PEPP-Reinvestments sei zwar ein erster Schritt gemacht, das Volumen dürfte aber nicht ausreichen. Zwar könnte der Rat durch ein "Front-Loading" seine Handlungsfähigkeit temporär erhöhen. Es scheine jedoch, als müsste sich die EZB für ein effektives Tool vom Prinzip des Sequencing verabschieden, also sich im Notfall auch Nettoanleihekäufe bei zugleich steigenden Leitzinsen zumindest als Möglichkeit offenhalten. Geldpolitisch erscheine es jedoch heikel, gleichzeitig Gas zu geben und auf die Bremse zu treten. Ganz offensichtlich befinde sich die EZB nun in einem Zielkonflikt, dem sie sich stellen müsse. Zu begrüßen sei, dass die EZB hinsichtlich der letzte Woche gefassten Beschlüsse zur Sicherung der Preisniveaustabilität keinen Rückzieher gemacht habe, dies wäre ein Desaster für ihre Glaubwürdigkeit gewesen.

Eine knappe Woche nach der historischen geldpolitischen Wende befinde sich die EZB bereits wieder im Krisenmodus. Der starke Anstieg der EUR-Kapitalmarktzinsen und insbesondere die kräftige Ausweitung der Spreads habe den Rat veranlasst, die erste Verteidigungslinie gegen eine drohende Fragmentierung des EUR-Kapitalmarktes zu aktivieren. Fälligkeiten aus dem PEPP würden nun strategisch reinvestiert, das Volumen dürfte jedoch zu gering sein. Daher sollten nun die Arbeiten an dem neuen "Anti-Fragmentierungs-Tool" zügig zum Ende geführt werden. Auch wenn die EZB erneut nicht konkreter geworden sei, die Kreativität der EZB zur Sicherung der Finanzstabilität sollte nicht unterschätzt werden. Wie allerdings der Zielkonflikt zur Eindämmung der hohen Inflationsgefahren ohne Reputationsschaden aufgelöst werden solle, sei die eigentlich spannende Frage! (15.06.2022/alc/a/a)