EZB im Zwiespalt - Inflation wichtiger als Wirtschaft und Währung


08.09.22 16:00
Merck Finck

München (www.anleihencheck.de) - Die heutige Anhebung der EZB-Leitzinsen um erstmals 75 Basispunkte auf nunmehr 1,25% für den Hauptrefinanzierungssatz (und 0,75% für den Einlagensatz) entspricht den Erwartungen der meisten Volkswirte, so Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck a Quintet Private Bank.

Vor Monaten noch schien ein solcher Schritt undenkbar. Heute erscheine er beinahe alternativlos, wenn die EZB ihr primäres Mandat nicht aus dem Auge verlieren wolle. Allerdings würden die von der Notenbank nicht beeinflussbaren Energiepreise der wesentliche Inflationstreiber in der Eurozone bleiben.

Letztendlich sei für die EZB die Inflationsbekämpfung wichtiger als die Wirtschaft und die Währung, auch wenn sie beide natürlich im Blick behalten müsse. Mit Blick auf die Inflation dürften die Erfolge noch auf sich warten lassen. Aus Sicht von Merck Finck werde die Inflation im Herbst und im Winter trotz der beherzteren Leitzinspolitik erst einmal hoch bleiben, bevor ab dem Frühjahr 2023 dann vor allem Basiseffekte die Raten nach und nach spürbar nach unten drücken sollten.

Wie gehe es mit den Wechselkursen weiter? Mit der gegenwärtigen EZB-Politik halte der Druck auf den Euro an, insbesondere gegenüber dem weiterhin bärenstarken US-Dollar. Denn letztendlich bleibe - gerade die mittelfristige - Preisstabilität das zentrale Ziel der Notenbank, auch wenn sie oft als "Währungshüter" bezeichnet werde. Bis Jahresende rechne Merck Finck primär aufgrund der anhaltenden europäischen Energiekrise und der entschlosseneren Zinspolitik der FED auf Basis einer relativ stabileren Konjunktur in den USA als in Europa mit einem weiteren Rückgang des Euro/US-Dollar-Kurses von 99 Cent auf 97 Cent. Damit würde der Euro gegenüber dem Greenback in diesem Jahr nicht nur wie bisher um 13%, sondern um 15% an Wert verlieren.

Mit Blick auf die Konjunktur nehme die EZB ebenfalls heftige Nebenwirkungen in Kauf. Mit ihrem aggressiveren Zinskurs belaste die EZB die schwächelnde Konjunktur noch zusätzlich. Zudem mache sie damit auch weitere Firmenpleiten wahrscheinlicher. Merck Finck rechne auf dieser Basis weiterhin mit einer Rezession - nicht nur in Deutschland, sondern auch im gesamten Euroraum. Daran würden die weiter zu erwartenden Fiskalprogramme der Regierungen wie das dritte Entlastungspaket in Deutschland kaum etwas ändern können. Helfen würde dagegen eine Wiederaufnahme der russischen Gaslieferungen, da sie die Energie- und damit verbundenen Preisrisiken spürbar senken könnten. (08.09.2022/alc/a/a)