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EZB: Zinswende als quälend langsamer Prozess


03.06.22 13:30
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - In der Sitzung am 9. Juni dürften höhere EZB-Inflationsprojektionen das schnelle Ende des Kaufprogramms bedeuten und damit den Weg für eine Zinsanhebung im Juli freimachen, so die Analysten der Helaba.

Es wäre die erste nach elf Jahren, damals noch unter EZB-Chef Jean-Claude Trichet. Zwei EZB-Generationen weiter sei es nun wieder an einem Franzosen bzw. der Französin Christine Lagarde die geldpolitischen Zügel anzuziehen.

Vorausgegangen sei ein beispielloser Anstieg der Inflation im Euroraum auf über 8% und eine EZB, die phasenweise paralysiert gewirkt habe. Fast habe man den Eindruck, dass Zinsanhebungen aus ihrem Instrumentenkasten verschwunden seien, irgendwie von Mario Draghi ganz tief unten versteckt. Entsprechend unsicher habe in dieser unerwartet dramatischen Situation der EZB-Rat gewirkt.

Damit die Reputation keinen weiteren Schaden nehme, solle nun schnellstmöglich die Zinswende kommen. Über den Umfang des ersten Zinsschritts in der Sitzung des EZB-Rats am 27. Juli werde derzeit an den Finanzmärkten spekuliert. Zuletzt sei verstärkt auf eine Anhebung um 50 Basispunkte gewettet worden. Die Zinssätze an den Terminmärkten hätten neue Höchststände erreicht. Die Rendite 10-jähriger Bunds klettere über die Marke von 1,25%.

Die Tauben im EZB-Rat würden hingegen versuchen die Erwartungen zu dämpfen. Laut Chefvolkswirt Philip Lane solle der Prozess, raus aus dem negativen Leitzins, schrittweise erfolgen. Ihn dürfte die Sorge umtreiben, dass bei einem großen Zinsschritt die EZB unter noch mehr Druck gerate, sich am aggressiven Kurs der FED zu orientieren. Fast alle im EZB-Rat dürften inzwischen zwar die Zinswende mittragen. Über das Tempo der Zinsanhebungen würden die Meinungen vermutlich jedoch stark auseinander gehen. Die Vorsichtigen dürften auch die Reaktion an den Kapitalmärkten fürchten - insbesondere da jetzt die Nettoanleihekäufe wegfallen würden. Noch halte sich der Anstieg der Risikoaufschläge in Grenzen. Für sie würden drei Zinsschritte beim Einlagensatz um insgesamt 75 Basispunkte bis Jahresende vermutlich ausreichend sein. Würden sich hingegen die Falken im Rat durchsetzen, so könnte das Maximum der Anhebungen in den verbleibenden vier Sitzungen im zweiten Halbjahr bei 125 Basispunkten liegen.

Man frage gleichwohl, warum die EZB nicht schon kommende Woche handele. Der Ausstieg aus dem Kaufprogramm und die erste Zinsanhebung könnten angesichts des zeitkritischen Umfelds eigentlich parallel erfolgen, egal was man sich vorher für einen Zeitplan gegeben habe. Der Zweck würde in diesem Fall die Mittel heiligen. Ziel der EZB müsse es sein, die Inflationserwartungen einzudämmen und der Zeitpunkt um Wirkung zu erzielen, wäre jetzt günstig. Die Inflationserwartungen bei Anlegern und Konsumenten seien zuletzt nicht weiter gestiegen. (03.06.2022/alc/a/a)