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EZB-Zinsausrichtung zu optimistisch?


10.06.22 11:29
Janus Henderson Investors

London (www.anleihencheck.de) - Die EZB wird sich dem (wachsenden) Kreis der Zentralbanken, die 2022 die Zinsen anheben, anschließen, so Andrew Mulliner, Head of Global Aggregate Strategies bei Janus Henderson Investors.

Auf ihrer gestrigen Sitzung habe sich die EZB verpflichtet, die Zinsen zum ersten Mal seit 2011 anzuheben. Dabei habe sie die eindeutige Einschätzung geäußert, dass im vierten Quartal dieses Jahres das Ende der Negativzinsen in der Eurozone erreicht sein werde.

Anleger hätten damit gerechnet, dass auf dieser Sitzung das Ende des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten bekannt gegeben würde, und es habe eine erhöhte Erwartungshaltung gegeben, dass die EZB für Juli eine Zinserhöhung von 25 oder 50 Basispunkten ankündigen würde. Es habe auch eine gewisse Hoffnung auf die Bekanntgabe eines Instruments bestanden, mit dem das Risiko einer Spread-Ausweitung zwischen Anleiherenditen der Peripherieländer und deutschen Staatsanleiherenditen eingedämmt werden sollte; das von der EZB sogenannte Fragmentierungsrisiko.

Die Erwartungen der Anleger in Bezug auf die Ankäufe von Vermögenswerten und die Zinssätze seien mehr als erfüllt worden, denn die EZB habe nicht nur die Optionalität betont, sondern habe auch recht klare Hinweise nicht nur auf den Umfang der Zinserhöhung im Juli (25 Basispunkte), sondern auch darauf gegeben, dass der Markt im September mit mindestens 25 Basispunkten (mit dem Risiko von mehr) und danach mit weiteren Erhöhungen rechnen müsse.

Während die EZB bei den Zinserwartungen übertrieben haben möge, habe sie bei der Erläuterung ihres Ansatzes zur Bewältigung der Fragmentierungsrisiken enttäuscht. Es seien keine neuen Instrumente angekündigt worden. Die Zusage der EZB, die Fragmentierung zu begrenzen, bleibe ein Wunschtraum, da sie sich derzeit darauf beschränke, die Reinvestitionen des PEPP-Programms flexibel zu allokieren. Bemerkenswert sei gewesen, dass die EZB erklärt habe, sie könne das PEPP bei Bedarf wieder einführen. Allerdings sei dieses Risiko sicherlich die empfindliche Schwachstelle in der von der EZB vorgeschlagenen Straffungsstrategie.

Weitere bemerkenswerte Aspekte der Sitzung seien die Veröffentlichung einer über dem Ziel liegenden Inflationsprognose für 2024 gewesen, was eine Zinserhöhung rechtfertige. Interessant und für die Glaubwürdigkeit der aktuellen Zinsvorgaben der EZB potenziell am bedeutsamsten sei die Tatsache, dass die EZB für die kommenden Jahre ein recht robustes, wenn auch niedriges Wachstum für die EU prognostiziere. In Anbetracht der eindeutigen Risiken, die sich aus der prekären Energieabhängigkeit der EU von Russland ergeben würden, gebe es mehr als nur einen Grund, hier skeptisch zu sein.

Bemerkenswert sei auch die Aussage gewesen, dass die EZB nicht über den neutralen Zinssatz für die Eurozone gesprochen habe. In Anbetracht der Bedeutung, die der Bestimmung des Punktes (zumindest theoretisch) zukomme, an dem die Zinssätze von akkommodierend zu restriktiv übergehen würden, und angesichts der Wahrscheinlichkeit, dass dieser Wert für Europa niedriger sei als in vielen anderen Regionen der Welt, sei die mangelnde Aufmerksamkeit, die diesem Punkt zuteil werde, trotz der Hinweise auf mehrere Zinserhöhungen, gelinde gesagt merkwürdig.

Aus Sicht der Märkte sei die Sitzung eindeutig hawkish gewesen. Die hawkishe Haltung stehe jedoch auf einem schwachen Fundament. Der fehlende klare Ansatz zum Umgang mit dem Fragmentierungsrisiko berge erhebliche Risiken für die Finanzstabilität, wenn nicht zuverlässig gehandelt werde. Die überraschend optimistische Einschätzung des Wachstums deute darauf hin, dass sich die abgegebenen Zinsempfehlungen für die zweite Jahreshälfte als zu optimistisch erweisen könnten.

Die Renditen in der gesamten Eurozone seien erheblich höher, und - was für die EZB vielleicht noch besorgniserregender sei - die Spreads der Peripherieländer seien gestiegen. Die EZB straffe ihre Geldpolitik aus Gründen, die, wie sie selbst einräume, in erster Linie auf nicht-nachfragebezogene Faktoren zurückzuführen seien, nämlich auf ein verlangsamtes Wirtschaftswachstum. Der Einfluss des Jahres 2011 habe sich zwar abgeschwächt, sei aber noch nicht verschwunden. (10.06.2022/alc/a/a)