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EZB-Zeitenwende: 75 Basispunkte wären eine klare Ansage


07.09.22 16:17
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Leitzinserhöhungen der EZB von 250 Basispunkten hören sich (vordergründig) nach viel an, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Dies gelte vor allem nach der langen Phase der Niedrigzinsen. Allerdings sei nicht zu vergessen, dass etwa die Deutsche Bundesbank in den 1970/80er Jahren im Kontext ähnlicher Inflationsherausforderungen wie derzeit mit Leitzinserhöhungen von 400 bis 450 Basispunkten habe reagieren müssen. Sicher sei die EZB nicht die Bundesbank und sie habe sich zu einer pragmatischeren Institution "angelsächsischer" Prägung gewandelt. Wobei solch eine "angelsächsische" geldpolitische Ausrichtung der "Inflationssteuerung" im aktuellen Umfeld auch entschiedene Zinserhöhungen rechtfertige. Insofern sei nicht auszuschließen, dass der "robuste Kontrollansatz" der EZB zu mehr Zinserhöhungen führe als vergangene Zyklen. In gewisser Weise solle, der benannte "robuste Kontrollansatz" vielleicht sogar an entschiedene geldpolitische Straffungen der Vergangenheit bzw. der Deutschen Bundesbank erinnern. Immerhin habe die Bundesbank in den 1970er/80er Jahren den Leitzins auch in "nur" 10 bis 15 Monaten entschieden nach oben geschleust. Damals sei die Deutsche Bundesbank die einzige Notenbank der G-7 Länder gewesen, die eine Inflationsrate im zweistelligen Bereich habe verhindern können. Insofern könnte ein zu zögerliches geldpolitisches Handeln derzeit dazu führen, dass teils geldpolitische Fehler der 1970er Jahre wiederholt würden. Selbstredend seien in heutigen Zeiten der umfassenden Marksteuerung durch Notenbanken und vor allem im Lichte der umfassenden Marksteuerung der EZB der letzten Jahre bei einer entschiedenen geldpolitischen Reaktion auch Abfederungen notwendig. Insofern werde spannend sein, wann die EZB ihre Zurückhaltung bei der Nutzung des neuen Anleihekaufprogrammes (TPI) aufgeben werde (müssen).

Die Analysten der Raiffeisen Bank International AG würden den Auftritt der EZB-Direktorin Schnabel in Jackson Hole als wichtigen Meilenstein in der Ausrichtung der EZB sehen. Allerdings sei auch interessant, dass die skizzierte mögliche grundlegende Neuausrichtung nicht von der EZB-Präsidentin oder dem EZB-Chefökonomen vorgetragen worden sei. Insofern bleibe abzuwarten, ob der "robuste Kontrollansatz" schon in der Breite bzw. konsensual innerhalb der EZB akzeptiert sei. Immerhin gebe es derzeit noch einige moderierende Aussagen anderer EZB-Vertreter. Wobei sich diese eher auf den möglichen Endpunkt der geldpolitischen Straffung beziehen oder die Notwendigkeit extrem hoher Zinsschritte hinterfragen würden. Die Notwendigkeit, erstmal entschiedene Zinsschritte bis zu einem neutralen bzw. nicht mehr geldpolitischen unterstützenden Zinsniveau zu setzen, scheine unbestritten.

Die Analysten der Raiffeisen Bank International AG hätten in Jackson Hole und mit einem wahrscheinlichen Zinsschritt von (mindestens) 75 Basispunkten diese Woche (was es in der EZB Geschichte noch nie gegeben habe, in der Historie der Deutschen Bundesbank aber schon) nicht nur eine kurzfristige geldpolitische Zeitenwende bei der EZB erlebe. Vor der EZB liege wohl auch eine längere Phase der grundlegenden Neuausrichtung. In der letzten Dekade habe sich die EZB gegen eine zu niedrige Inflation und vor allem zu niedrige Inflationserwartungen gestemmt. Solche Überlegungen hätten auch die etwas überhastet verkündete geldpolitische Strategierevision im Sommer 2020 bestimmt. Umso wichtiger sei es, dass die EZB schon im Jahr 2025 wieder ihre geldpolitische Strategie überprüfen wolle. Aller Voraussicht nach werde sie bis dahin viele "neue" Erfahrungen in Bezug auf Inflationsbekämpfung und Inflationserwartungen sammeln können. (07.09.2022/alc/a/a)