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EZB: Wer zu spät und unentschlossen agiert, den bestraft das Leben


08.06.22 09:20
SALytic Invest

Köln (www.anleihencheck.de) - Der Kampf um die weitere Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist in vollem Gange, so Matthias Jörss, Chefvolkswirt bei SALytic Invest AG.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde und Chefvolkswirt Philip Lane würden den Plan verfolgen, möglichst nur ganz langsam mit Schritten von jeweils 25 Basispunkten in Richtung der Nulllinie zu kommen. Dies passe zur EZB-Strategie der vergangenen Monate: dem Beschäftigungsziel Vorrang vor dem eigentlichen Ziel der Preisstabilität zu gewähren, in der Hoffnung, dass ein großer Teil der Inflation vorübergehenden Charakter habe. Diese Politik gelte zwar als progressiv, ermögliche jedoch Preisüberwälzungsspielräume und fördere letztendlich die Entwicklung einer viel zu hohen Inflation, wenn ein exogener Preisschock wie aktuell die Ukraine-Krise hinzukomme. Die Inflation zeige sich immer mehr auch in den Bereichen der Volkswirtschaft, für die die Rohstoffpreise und Lieferengpässe weniger relevant seien und bei denen die Preisentwicklung stark von der Lohnentwicklung dominiert werde. Die US-amerikanische Notenbank FED habe noch im letzten Jahr eine ähnliche Politik verfolgt, indem sie einen großen Teil der Inflation als vorübergehend deklariert und ebenfalls vor allem auf einen hohen Beschäftigungsstand abgezielt habe. Mittlerweile sei jedoch "vorübergehend" bei der FED zum Unwort geworden und der Wind habe sich dramatisch gedreht. Der Grund sei, dass Inflation vor allem die sozial schwächeren Bevölkerungsschichten benachteilige, denen diese arbeitsmarktorientierte Geldpolitik eigentlich helfen solle. Das Sprichwort "Inflation ist der Taschendieb des kleinen Mannes" beziehe sich genau auf diesen Wirkungsmechanismus. Vieles deute darauf hin, dass in den USA die Demokraten aufgrund der galoppierenden Inflationsraten bei den nächsten Wahlen massive Verluste erleiden würden. Es scheine, als müsste diese Lektion in Europa erst noch gelernt werden. Dabei sollte ein Blick in die Geschichtsbücher eigentlich ausreichen. Die Historie zeige: Je später man Inflation bekämpfe, desto mehr müsse man auch die Inflationsmentalität bekämpfen und desto ausgeprägter werde der Abschwung.

Die Experten von SALytic Invest würden davon ausgehen, dass die "Tauben" um Lagarde und Lane noch eine Weile die Oberhand im EZB-Rat haben würden. Somit werde es in diesem Jahr wohl zu 3-4 Zinsanhebungen um jeweils 25 Basispunkte kommen, wobei die Termine Juli, September und Dezember als gesetzt gelten dürften. Mit dieser Strategie werde die EZB jedoch nicht "vor die Kurve kommen". Daher werde sie die Zinsen weiter anheben müssen, wenn sich die Wirtschaft bei fortgesetzter Inflation abschwäche, die ja bekanntlich in der Ökonomie ein nachlaufender Indikator sei. Die Inflationsmentalität und die sich damit abzeichnenden Zweitrundeneffekte dürften sich massiv in der nächsten Lohnrunde zeigen.

Für die Kapitalmärkte wäre diese "taubenhafte" Geldpolitik kurzfristig vielleicht eine Erleichterung, längerfristig sei sie jedoch problematisch. Wie so oft sei das Gegenteil von "gut" "gut gemeint". Auch die Strategie der EZB, die Geldpolitik an einer sehr langfristigen Prognose für die Inflation auszurichten, sei zu überdenken. Die Entwicklung der letzten Jahre zeige deutlich, dass die EZB aufgrund exogener Schocks keine verlässlichen Prognosen über die Inflationsentwicklung der nächsten Jahre erstellen könne. Somit verankere diese Strategie nicht Inflationserwartungen, sondern führe zum genauen Gegenteil. Je länger die Geldpolitik bei hoher Inflation locker bleibe, desto mehr würden sich die Inflationserwartungen von dem Ziel der EZB lösen. (08.06.2022/alc/a/a)