EZB: Die Wahrscheinlichkeit einer ersten Leitzinssenkung im April steigt


09.02.24 12:57
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Sowohl der IWF als auch die OECD haben kürzlich ihre aktualisierten globalen Wachstumsprognosen veröffentlicht, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.

Dabei sei die Erwartung an das Weltwirtschaftswachstum jeweils leicht nach oben revidiert worden. Mit insgesamt rund 3 Prozent im laufenden Jahr 2024 falle es aber weiterhin im historischen Kontext schwach aus. Wachstumstreiber bleibe die Region Südostasien, vor allem Indien und Indonesien sowie mit Abstrichen China.

Die Prognosen für die USA seien nach oben revidiert worden. Erwartet werde zwar weiterhin eine wirtschaftliche Abkühlung im Vergleich zum Vorjahr, allerdings dürfte das Wachstum mit gut 2 Prozent 2024 nur leicht geringer ausfallen als in 2023.

Aktuell befinde sich die US-Konjunktur in einer sehr robusten Verfassung, wie die jüngsten Veröffentlichungen der ISM-Einkaufsmanagerindices untermauert hätten. Sowohl im Dienstleistungsbereich als auch in der Industrie sei die Unternehmensstimmung deutlich angestiegen. Mit steigenden Beschäftigungsaussichten und zunehmenden Auftragseingängen seien allerdings auch erneut steigende Preiserwartungen einhergegangen. Unter anderem bewirke die weiterhin sehr gute Auslastung am Arbeitsmarkt - mit einer Arbeitslosenquote von 3,7 Prozent und 317.000 neu geschaffenen Stellen im Segment der privaten Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft im Januar - erneut einen stärkeren Anstieg der durchschnittlichen Stundenlöhne.

Damit bestehe aus heutiger Sicht noch keine Veranlassung für die US-Notenbank FED, die Leitzinsen zu senken. Allerdings dürften die deutlich erhöhten Zinsniveaus über gestiegene Kreditkonditionen sowie die anhaltende Krise im Segment der gewerblichen Immobilienfinanzierungen mit teilweise erheblichen Belastungen des US-Regionalbankensektors künftig für eine leichte konjunkturelle Abkühlung sorgen und der FED im Sommer erste Leitzinssenkungen ermöglichen.

Demgegenüber seien die Wachstumserwartungen für die Eurozone vom IWF auf nur noch knapp 1 Prozent in 2024 nach unten revidiert worden. Schlusslicht bleibe vorerst Deutschland mit einem prognostizierten Wachstum von 0,3 bis 0,5 Prozent. Im ersten Quartal dürfte zunächst eine Schrumpfung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung erfolgen, vor allem aufgrund eines immer offensichtlicheren Auftragsmangels bei vielen Dienstleistern und Industrieunternehmen. Zwar sei für Dezember ein überraschend deutlicher Anstieg der Auftragseingänge für die Industrie um 8,9 Prozent im Vergleich zum Vormonat bekannt gegeben worden, allerdings fuße dieser vor allem auf wenige Großaufträge im Segment Flugzeugbau. Ohne diesen Sondereffekt seien die Aufträge um 2,2 Prozent gefallen. Eine leichte Besserung dürfte in den kommenden Monaten durch die erwartete leichte Belebung der Konjunktur in wichtigen europäischen Exportabnehmerstaaten sowie die hohe Dynamik in Asien erfolgen. Zudem hätten zuletzt viele Unternehmen aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Nachfrageschwäche ihre Lager deutlich abgebaut und dürften diese in der Erwartung einer künftigen wirtschaftlichen Dynamisierung wieder stärker auffüllen.

Trotz dieser leichten zyklischen Erholung werde Deutschlands Wirtschaft aber weiterhin durch diverse strukturelle Wachstumsbremser, wie hohe Energiepreise und Lohnnebenkosten, den Arbeits- und Fachkräftemangel sowie eine langwierige Bürokratie zurückgehalten. Ein aktueller Beleg dafür sei eine kürzlich veröffentlichte Studie der OECD, nach der es selbst für sehr gut ausgebildete ausländische Fachkräfte sehr schwierig sei, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. Neben regulatorischen Hürden würden zudem sprachliche Hürden und eine vielfach nicht vorhandene Willkommenskultur genannt, die einen stärkeren Zuzug verhindern würden. Offensichtlich könnten also Politik, Unternehmen und Gesellschaft allesamt etwas unternehmen.

Zudem sollte die beabsichtigte und sinnvolle Reduzierung von wirtschaftlichen Abhängigkeiten Deutschlands gegenüber China mit Bedacht erfolgen. Eine Ausarbeitung der Bundesbank zeige, dass bei bestimmten Produktkategorien wie Seltenen Erden, Laptops oder Solarpanels ein außerordentlich hoher Anteil der deutschen Importe aus China stamme und China gleichzeitig einen Anteil an der Weltproduktion von teilweise bis zu 90 Prozent habe. Eine abrupte Abkopplung von China hätte daher massiv negative Auswirkungen auf die Wachstumsdynamik in Deutschland. Gemäß Kiel Institut für Weltwirtschaft könnte die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung sofort um bis zu 5 Prozent einbrechen. Bei einem sukzessiven Abbau von Abhängigkeiten könnte man diesen Effekt hingegen eingrenzen.

Die schwache konjunkturelle Situation dürfte allerdings den inflationären Druck in der Eurozone weiter absenken, sodass für die EZB die Wahrscheinlichkeit einer ersten Leitzinssenkung im April steige. (09.02.2024/alc/a/a)





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