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Nach der EZB-Sitzung tagt der Offenmarktausschuss der FED


13.06.22 09:00
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die mit Spannung erwartete EZB Sitzung brachte den heiß ersehnten Fahrplan zur geldpolitischen Normalisierung, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Genau genommen habe sich die Notenbank auf eine Guidance für die Leitzinssetzung beschränkt. Die Wortwahl zu weiteren Steuerungsinstrumenten (Refinanzierungsgeschäfte und Anleihebestände) sei weitgehend unverändert geblieben, was den Verdacht nahelege, dass neue Vorhaben nicht entscheidungsreif ausdiskutiert seien. Im Juli würden die Leitzinsen um 25 Basispunkte (BP) angehoben. Im September müsse mit einem größeren Schritt gerechnet werden - die Analysten würden 50 Basispunkte für wahrscheinlich halten. Die Formulierung nach September graduell weitere Zinsanhebungen als angebracht zu sehen, würden sie mit geplanten Zinsschritten im Oktober und Dezember zu jeweils 25 BP übersetzen. In Summe sei dies bis Jahresende ein Leitzinsanstieg um 1,25 Prozentpunkte. Natürlich habe sich die Notenbank nicht endgültig festgelegt.

Die weiteren Wirtschaftsdaten würden über Timing und Ausmaß von Zinsanhebungen entscheiden. Einerseits könnte sich die Wirtschaft schwächer entwickeln als in den neuen, nach unten revidierten BIP Prognosen der EZB unterstellt. Andererseits könnte eine ungünstige Inflationsentwicklung die Notenbank zwingen, anstatt einer Zinsnormalisierung in eine restriktive Geldpolitik umzuschwenken. Zudem sei auf eine Guidance, auf welchem Niveau aus EZB-Sicht ein neutraler Zinssatz gegeben sei, explizit verzichtet worden.

Die Analysten hätten auf Basis der Kommunikation der EZB und ihrer Wirtschaftsprognosen (anhaltende Konjunkturschwäche und fortgesetzt überhöhte Inflation) ihre Leitzins- und Geldmarktprognosen überarbeitet. Dabei würden sie davon ausgehen, dass im Jahr 2023 weitere Leitzinsanhebungen erfolgen würden, die EZB aber etwas Tempo herausnehme. Die Analysten würden von Q1/23 bis Q3/23 jeweils 25 BP ansetzen und im September 2023 den Zinszyklus bei Leitzinsen von 2% (Hauptrefinanzierungssatz) bzw. 1,5% (Einlagesatz) als abgeschlossen ansehen. Ihre neuen Prognosen für Swapsätze und deutsche Anleiherenditen würden in den nächsten Tagen folgen.

Nach der EZB-Sitzung tage der Offenmarktausschuss (FOMC) der US-Notenbank FED. Die Unsicherheit über die FOMC-Sitzung im Juni erscheine als gering. Auf der letzten Sitzung Anfang Mai, als der FOMC eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte beschlossen habe, habe der Vorsitzende Powell erklärt, dass "Erhöhungen der Federal Funds Rate um 50 Basispunkte bei den nächsten Sitzungen wahrscheinlich angemessen wären". Angesichts des guten Arbeitsmarktberichts im Mai und der nach wie vor hohen Inflationsdynamik bestehe kaum ein Zweifel daran, dass der FOMC nächste Woche die Leitzinsen abermals um 50 Basispunkte anheben werde. Damit würde das Zielband auf 1,25 - 1,5% steigen.

Nach Meinung der FOMC-Mitglieder solle die Federal Funds Rate "zügig" auf ein neutrales Niveau angehoben werden, das laut dem Prognose-Set vom März nahe der Mitte einer Spanne zwischen 2% und 3% liege. Die aktuelle Prognose der Analysten sehe zwei Zinserhöhungen um 50 Basispunkte im Juni und Juli und Zinsschritte von je 25 Basispunkte auf den verbleibenden Sitzungen dieses Jahres vor, was das Zielband bis zum Jahresende auf 2,5 bis 2,75% bringen würde. Die Risiken seien wohl nach oben gerichtet, und es bestehe die Chance, dass die Leitzinsen auch im September um 50 Basispunkte steigen würden, was davon abhängen werde, wie sich die Risiken der Inflationsaussichten entwickeln würden.

Hinsichtlich des Bilanzabbaus seien kaum Neuigkeiten zu erwarten. Der Bilanzabbau sei am 1. Juni gestartet worden und sei für die nächsten Monate festgelegt. Vielmehr stünden wohl die neuen FOMC-Prognosen im Mittelpunkt. Im März seien die mittelfristigen Aussichten für das Wirtschaftswachstum und die Arbeitslosenquote im Wesentlichen unverändert gelassen worden, während die Inflationsprognosen nach oben korrigiert worden seien. Eine abermalige Anpassung der Inflationsprognosen, insbesondere der Gesamtrate, nach oben sei wahrscheinlich.

Die Schlüsselfragen würden sein, ob aufgrund des Zusammenspiels der geldpolitischen Straffung, der Haushaltskonsolidierung, der anhaltenden Angebotsengpässe und hoher Rohstoffpreise eine Abwärtsrevision der Wachstumsprognosen bevorstehe und ob sich die Erwartungen der FOMC-Mitglieder zur Federal Funds Rate in 2023/24 weiter in den restriktiven Bereich bewegen würden (derzeit bei 2,8%).

Der Datenkalender halte für die Eurozone nur wenige relevante Veröffentlichungen bereit. Die Stimmung unter Finanzmarkt Teilnehmern (ZEW Index) dürfte sich ein wenig aufgehellt haben. Nach dem zuletzt heftigen Rückgang der Industrieproduktion sei im April mit einem kleinen Anstieg zu rechnen. Der mittelfristige Trend zeige aber nach unten. In der Industrie drohe die nächste Rezession, noch bevor in vielen Euroländern das Vor-Corona Outputniveau erreicht sei. Im Schatten der Notenbanksitzung würden einige interessante US-Konjunkturdaten nächste Woche veröffentlicht. Die Updates zum Einzelhandel und zur Industrieproduktion würden einer soliden Dynamik im April folgen, wobei sich insbesondere im Einzelhandel die Frage stelle, ab wann die hohe Inflation zum Dämpfer für den realen Konsum werde.

Neben harten Konjunktur-Daten würden auch erste Stimmungstests (Empire State Index, Philly FED-Index) für den Juni veröffentlicht. Beide Indikatoren hätten im Mai unter den Erwartungen gelegen und der Empire State-Index habe sogar auf einen Rückgang der Wirtschaftsaktivität hingedeutet. Konjunkturoptimismus erlebe aktuell zunehmend Gegenwind. (Ausgabe vom 10.06.2022) (13.06.2022/alc/a/a)