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EZB-"Jumbo"-Zinsanhebung um 75 Bp


08.09.22 16:45
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank hat auf ihrer heutigen Sitzung zum zweiten Mal in Folge die Leitzinsen angehoben, so die Analysten der NORD LB.

Es sei schließlich ein "Jumbo"-Zinsschritt geworden! Alle drei relevanten Leitzinsen seien um jeweils 75 Basispunkte angehoben worden: Der Hauptrefinanzierungssatz notiere demnach neu bei 1,25%. Damit reagiere der EZB-Rat vor allem auf das nochmals verschlechterte Inflationsumfeld.
Die mit 75 Basispunkten stärkste Zinsanhebung seit der Einführung des Euro komme für die meisten Marktteilnehmer nicht überraschend, wenngleich einige von weiterhin nur 50 Basispunkten ausgegangen seien. Doch hätten in den letzten Wochen mehrere einflussreiche europäische Notenbanker auf die Notwendigkeit einer drastischeren Zinsanhebung hingewiesen. Eine im August auf nunmehr 9,1% Y/Y angezogene Inflationsrate (Kernrate bei 4,3% Y/Y) verdeutliche die mittlerweile meilenweite Zielverfehlung der EZB im Grunde recht klar.

Und die Aussichten auf eine schnelle Aufhellung der Situation an der Inflationsfront seien eher düster: Der am Wochenende vollzogene Gaslieferstopp Russlands stelle die Energieversorgung Europas auf die Probe und könnte für Haushalte und Unternehmen im Euroland auch in den kommenden Monaten vielleicht sogar noch höhere Energiepreise bedeuten. Vor diesem Hintergrund sollte der Hinweis im Statement der EZB auch kaum überraschen, dass bei den kommenden Sitzungen des EZB-Rats "weitere Zinsanhebungen zu erwarten" seien. Allerdings hänge der künftige Leitzinspfad von der Datenlage ab und so werde die Entscheidung von Sitzung zu Sitzung getroffen.

Und dies sei notwendig, denn die Konjunktur drohe perspektivisch stark gebremst zu werden. Das Dilemma der EZB komme in den Aktualisierungen der Projektionen gut zum Ausdruck: Einerseits seien sie für die Inflation nochmals nach oben genommen worden (2023: 5,5% von 3,5%), andererseits jene für das BIP-Wachstum nach unten (2023: 0,9% von 2,1%). Eine Rezession prognostiziere die EZB aber nicht! Auch wenn sie die Inflationsbekämpfung als ihr einzige Ziel ansehe, stelle sich die Frage, welchen Einbruch der Konjunktur sich die EZB letztlich "leisten" könne. Zudem da die Inflation vorrangig angebotsgetrieben sein dürfte und die Nachfrageseite bereits dämpft.

Christine Lagarde habe in der Pressekonferenz betont, dass sie sich auf die Inflationsbekämpfung konzentriere und der neutrale Zins lange noch nicht erreicht sei. Die Schwäche des Euro werde beobachtet. Diese Aussage dürfte ihm nicht schlecht bekommen und so wohl helfen, die Gaspreisrechnungen minimal zu dämpfen. Vielleicht sei das ja der einzige Weg zur Inflationsbegrenzung…!

Es sei zu begrüßen, dass die EZB einen schnelleren Schritt auf dem Weg der geldpolitischen Normalisierung mache. Sie wolle damit ein kraftvolles Zeichen setzen und nicht (noch weiter) hinter die Kurve geraten - ein Risiko, dass angesichts der weiter kräftig gestiegenen Inflation bereits gravierend sei. Isoliert betrachtet sollte die heutige zweite Zinserhöhung die Fortsetzung in einer ganzen Serie von Zinserhöhungen gewesen sein. Doch die Verunsicherungen und Energiepreisschübe durch Russlands Angriffskrieg würden die europäische Konjunktur auf eine historische Probe stellen - wie wirkungsvoll und wie lange könne dann die EZB ihrer Aufgabe, die Inflation zu bremsen, noch so nachkommen? Laute das Motto nun vereinfacht: "Tausche Inflation gegen Rezession?"

Fazit: Die EZB erhöhte zum zweiten Mal in Folge die Leitzinsen, der Zinsschritt falle mit 75 Basispunkten historisch hoch aus. Weitere würden folgen, wenngleich dies von Sitzung zu Sitzung entschieden werde. Die EZB-Tauben seien weggeflogen - nun solle nicht gekleckert, sondern geklotzt werden! Doch die neuen Projektionen würden das Dilemma "Inflationssprung bei Konjunktureinbruch" verdeutlichen, was die EZB - selbst ja ohne Gasreserven - aber kaum alleine lösen könne. Immerhin könnte der Euro so einen Hauch von Rückenwind erfahren, was vielleicht - über die Gaspreisrechnungen - der einzige Weg zur Inflationsbegrenzung sei. Doch wie schon Jerome Powell verkündet habe: "There is pain ahead - a job has to be done!" (08.09.2022/alc/a/a)