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EZB: Gravierende Verschiebung der Zinsniveaus


17.06.22 14:07
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Der Renditeanstieg bei Renten nimmt gewaltige Ausmaße an, so die Analysten der Helaba.

10-jährige Bunds würden inzwischen bei 1,7% notieren. Die Falken im EZB-Rat hätten die ernste Lage an der Inflationsfront nutzen können und einen auf Tempo ausgerichteten Fahrplan für den Zinserhöhungskurs durchgesetzt. Die Analysten der Helaba hätten den Widerstand der Tauben höher eingeschätzt, zumal die Risiken für die südeuropäischen Länder nicht zu unterschätzen seien. Die Ad hoc-Sitzung des EZB-Rats infolge deutlich steigender Risikoaufschläge bei Euro-Staatsanleihen habe die Problematik eindrucksvoll vor Augen geführt.

In einem ersten Abwehrschritt habe der EZB-Rat festgelegt, dass die im Rahmen des Pandemie-Kaufprogramms fällig werdenden Anleihe-Reinvestitionen mit hoher Flexibilität eingesetzt werden sollten. Diese Maßnahme sei allerdings nichts Neues. Der Plan sei bereits im Dezember 2021 vorgestellt worden.

Allerdings sei der EZB-Rat angesichts des massiven Renditeanstiegs unsicher, ob die getroffenen Vorkehrungen ausreichend seien. Deshalb solle ein dauerhaftes Anti-Fragmentierungstool entwickelt werden, um den geldpolitischen Transmissionsprozess zu sichern. Im Prinzip würden die sich nicht gerade durch Transparenz auszeichnenden Fachausdrücke bedeuten, dass die Renditeabstände zwischen den Staatsanleihen im Euroraum nicht zu weit auseinander driften dürften. Die Kapitalmarktzinsen müssten ein Niveau haben, das auch hochverschuldeten Ländern wie Italien ermögliche, ihre Zinslast zu stemmen. Anderenfalls drohe nicht weniger als das Auseinanderbrechen der Währungsunion. Nicht ohne Grund habe EZB-Direktorin Schnabel bereits angekündigt, dass das Engagement der EZB keine Grenzen kenne.

Die Ausgangssituation habe sich seit Mario Draghis "Whatever it takes" jedoch erheblich verändert: Habe die niedrige Inflation damals Spielraum für Kaufprogramme geboten, eingeführt explizit mit dem Hinweis auf das Mandat zur Preisstabilität, so drohe nun der vermutlich zielkonfliktbelastete kreative Instrumenteneinsatz die EZB auch juristisch in schwierigeres Fahrwasser zu führen.

Bei der letzten regulären Sitzung des EZB-Rats sei ein Zinserhöhungsfahrplan vorgestellt worden, der mehr Anhebungen vorsehe, als die Analysten der Helaba bislang prognostiziert hätten. Ausgehend vom Start für die Zinswende im Juli werde es nach Erachten der Analysten der Helaba fünf Erhöhungen in Folge geben. Einschließlich eines großen Zinsschritts um 50 Basispunkte im September sowie weiterer Anhebungen zum Quartalsende im März und Juni 2023 dürfte der Einlagensatz bis Mitte nächsten Jahres auf 1,5% klettern. Der Hauptrefinanzierungssatz läge dann bei 2,0%.

Neben dem Richtungsschwenk der EZB hin zu einer konsequenteren Inflationsbekämpfung spiele auch die sich langsamer als gedacht zurückbildende Inflation im Euroraum eine Rolle. Ab Mitte des kommenden Jahres dürfte die EZB allerdings ihren Zinserhöhungskurs nicht weiter ausdehnen - zumal die Euro-Volkswirtschaften auch Luft zum konjunkturellen Durchatmen brauchen würden. Die Zinslast für die Staatshaushalte müsse aus Sicht vieler Mitglieder des EZB-Rats tragbar bleiben. Ein großes Fragezeichen stehe hinter dem Zinserhöhungsfahrplan gleichwohl. Wenn Russland den Gashahn weiter oder ganz zudrehe, dann dürften die Tauben im EZB-Rat wohl eher früher als später auf die Pausetaste drücken.

Bei der Rendite 10-jähriger Bundesanleihen würden die Analysten der Helaba bis Jahresende einen Anstieg auf rund 2% erwarten. Aufgrund des ebenfalls akzentuierten Zinspfads der US-Notenbank sei mit einem Renditeniveau 10-jähriger US-Treasuries auf über 3,5% zu rechnen. (17.06.2022/alc/a/a)