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EZB: Die Forward Guidance ist tot


09.09.22 11:15
Candriam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Nicolas Forest, Global Head of Fixed Income bei Candriam, kommentiert die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) vom 8. September 2022.

Die zweite Zinserhöhung der EZB um 75 Basispunkte sei keineswegs eine Überraschung gewesen. Der Einlagensatz sei wieder auf dem Niveau von 2011 und Christine Lagarde fahre schwere Geschütze auf, denn die Inflation zeige mit 9,1 Prozent keine Anzeichen einer Abschwächung. Die Herbstsitzung sei zudem eine Gelegenheit gewesen, die Wachstums- und Inflationserwartungen zu korrigieren. Die EZB habe ihre Inflationsprognosen von zuvor 3,5 Prozent auf 5,5 Prozent für das Jahr 2023 revidiert - und das Wachstum auf 0,9 Prozent gegenüber den einst erwarteten 2,1 Prozent.

Drei Lehren würden sich aus den letzten Monaten ziehen lassen:

1. Die Zentralbanken und insbesondere die EZB hätten die Inflation grob unterschätzt - sowohl im Hinblick auf ihre Dauer, als auch auf ihren Charakter und ihre sekundären Effekte. Wie könnten Anleger angesichts dessen noch Vertrauen in die neuen Prognosen haben? Werde die Inflation im Jahr 2024 wirklich 2,3 Prozent betragen?

2. Die Forward Guidance sei tot. Die EZB habe die Forward Guidance im Jahr 2013 zu einem wichtigen Instrument in ihrem geldpolitischen Arsenal zur Inflationsbekämpfung gemacht. Im Juni habe die EZB noch ihr Ankaufprogramm einstellen und erst viel später eine erste Zinserhöhung erwägen wollen. Eine solche Kursänderung und eine derartige Verleugnung des Offensichtlichen zeige keinerlei Transparenz. Investoren könnten die nächsten Maßnahmen der EZB kaum verstehen. Darüber hinaus stelle sich die Frage des Bilanzmanagements: Wie würden sich Inflationsbekämpfung und Reinvestition von Fälligkeiten miteinander vereinbaren lassen?

3. Die Volatilität sei zurückgekehrt. Die Ungewissheit über die Inflation und die Geldpolitik führe zu einer erheblichen Volatilität an den Anleihemärkten, die zuvor durch die jahrelange quantitative Lockerung erstickt worden sei. Eine solche Volatilität mache es schwierig für Anleger, ruhig auf den Anleihemärkten zu investieren, sowohl in Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating als auch in italienische Schuldtitel. (Ausgabe vom 08.09.2022) (09.09.2022/alc/a/a)