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EZB: Die Falken sind am Ruder


09.09.22 11:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die EZB hat die Leitzinsen um 75 Basispunkte (BP) angehoben, was zuletzt von den Märkten erwartet worden war, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Der Hauptrefinanzierungssatz liege nunmehr bei 1,25% und der Einlagezinssatz bei 0,75%. Während der Pressekonferenz habe EZB-Präsidentin Christine Lagarde immer wieder betont, dass die EZB die Zinserhöhungen erst dann einstellen werde, wenn klar sei, dass das 2%-Inflationsziel mittelfristig erreicht sei. "Wir sind weit von dem Zinsniveau entfernt, das notwendig ist, um die Inflationsrate auf unsere Zielmarke zu bringen", habe Lagarde sinngemäß gesagt und ergänzt: "Es sind "mehrere Zinserhöhungen" erforderlich." Des Weiteren seien neue Projektionen veröffentlicht worden, in denen das Wachstum nach unten und die Inflation nach oben korrigiert worden seien, aber von der EZB immer noch keine Rezession prognostiziert werde.

Einzelheiten zur Sitzung und Pressekonferenz:

- Künftige Zinserhöhungen: "Es wird in den nächsten Sitzungen mehrere Zinserhöhungen geben", habe Lagarde gesagt und hinzugefügt, dass "mehrere" zwischen zwei und fünf sein könnten, einschließlich der aktuellen Sitzung. Dies würde bedeuten, dass der aktuelle Zinserhöhungszyklus bereits im März 2023 beendet wäre.

- Höhe künftiger Zinserhöhungen: Es habe keine klaren Hinweise auf den Umfang künftiger Zinserhöhungen gegeben. Einerseits habe Lagarde gesagt, dass Zinsschritte von 75 BP nicht die Norm sein würden, andererseits habe sie erklärt, dass die EZB "weit von dem Niveau entfernt" sei, bei dem die EZB zuversichtlich sein könne, die angestrebte Inflation von 2% über den Prognosehorizont zu erreichen. Lagarde habe schätzungsweise ein Dutzend Mal betont, dass die EZB entschlossen sei, das Inflationsziel wieder zu erreichen.

- Zum TPI (Transmission Protection Instrument): Lagarde sei zu TPI gefragt worden, habe jedoch nur gesagt, dass die EZB davon Gebrauch machen würde, sollte es die Situation erfordern.

- Zum Euro: "Die Abwertung des Euro hat ebenfalls zum Aufbau von Inflationsdruck beigetragen", so Lagarde. Abgesehen davon habe Lagarde lediglich wiederholt, dass die EZB kein Wechselkursziel habe.

- Zu Prognosefehlern (im Zusammenhang mit der Frage der Glaubwürdigkeit, da die EZB die Inflation in den letzten zwölf Monaten ständig unterschätzt habe): Kurz gesagt, habe Lagarde ausgeführt, dass fast alle anderen Ökonomen und Prognostiker ähnliche Prognosefehler gemacht hätten und dass die EZB hart daran arbeite, die Modelle anzupassen und aus den Fehlern zu lernen.

Unsere Einordnung der Beschlüsse:

- Die Anhebung der Leitzinsen um 75 BP sei angesichts der Inflation von 9,1% gerechtfertigt, aber die EZB müsse aufpassen, dass sie nicht zu viel verspreche. Sie möchte Glaubwürdigkeit zurückgewinnen und daher habe Lagarde immer wieder betont, etwa ein Dutzend Mal, dass man die Inflation auf das Zielniveau von 2% senken werde. Aber weiterhin drohe das Szenario einer tiefen Rezession, bei der die Inflation nur unzureichend sinke. Werde die EZB dann an ihrem "Versprechen" festhalten und die Zügel weiter straffen, um das Inflationsziel unter allen Umständen zu erreichen?

- Überraschend sei die Aussage, dass zwei bis fünf Zinserhöhungen notwendig seien, um die Zuversicht gewinnen zu können, die Inflation mittelfristig auf das Zielniveau zu senken. Das würde bedeuten, dass der Zinserhöhungszyklus spätestens im März 2023 zu Ende wäre, was der grundsätzlich "hawkishen" (also "falkenhaften") Haltung von Lagarde tendenziell zu widersprechen scheine. Kurz: Es würden ein paar Fragezeichen bleiben. (09.09.2022/alc/a/a)